Wem gehören unsere Lebensmittel? Von Patentierungswellen, Marktentwicklungen und technologischen Quantensprüngen

patentedWem gehören eigentlich unsere Lebensmittel? Wem gehören die Tomaten, Gurken, Spargel, Zwiebeln, Weizen, Reis, Kakao, Kaffee oder Vanille? Eine vielleicht noch wichtigere Frage ist: Wem werden die Lebensmittel in Zukunft gehören? Die Eigentumsverhältnisse unserer Lebensmittel von heute und morgen bestimmen, wie wir unsere zukünftigen Lebensmittel produzieren, unsere Ernährung gestalten sowie wie wir dabei mit unserer Gesundheit, anderen Menschen und unserer Umwelt umgehen. Diese Eigentumsverhältnisse bestimmen, was auf unseren Feldern und in unseren Gärten wächst, was in den Regalen von Supermärkten und Bioläden steht und letztlich auch, was auf unseren Tellern und in unseren Bäuchen landet.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich werde hier keine plakativen antikapitalistischen Positionen propagieren, die jegliches Recht auf Privateigentum sowie das Potential technisch-wissenschaftlichen Fortschrittes verneinen. Auch halte ich nichts davon, einzelne Unternehmen pauschal zu verteufeln und diese an die Wand zu stellen, wie dies viele z.B. mit Monsanto tun.

Ein kritischer Blick auf die Eigentumsverhältnisse bei unseren Lebensmitteln, die wir alle täglich brauchen, ist aber allemal angebracht und aufgrund aktueller, mehrerer parallel verlaufender Entwicklungen dringender denn je. Es geht immerhin um die Zukunft unserer Lebensmittel.

Um der Frage nachzugehen, wem unsere Lebensmittel gehören, muss man ganz an den Anfang des Prozesses der Herstellung von Lebensmitteln gehen. Bei Gemüse, Getreide, Reis und Mais heißt dies, dass man sich mit Saatgut und biologisch-genetischer Vielfalt beschäftigen muss und damit, wem diese gehören. Der Titel eines jüngst erschienenen Buches von Anja Banzhaf bringt dies knackig auf den Punkt: „Wer die Saat hat, hat das Sagen“.

Die drei Hauptstränge aktueller Entwicklungen, die das Saatgut und die biologisch-genetische Vielfalt betreffen, sind folgende:

  1. Die aktuellen Entwicklungen im Saatgutmarkt.
  2. Die eigentumsrechtlichen Entwicklungen durch Patentierung im Bereich unserer Lebensmittel.
  3. Die enormen Fortschritte in den Biowissenschaften, allen voran die massive Ausweitung der Genomsequenzierung und einer qualitativ völlig neuen Form der Gentechnik, dem Genome Editing.

Alle drei Entwicklungen müssen in einem Zusammenhang gesehen werden, wenn man verstehen will, wem unsere Lebensmittel gehören, und vor allem, wer in Zukunft über diese verfügt.

Die zweite Konzentrations-Welle im Saatgutmarkt: Auf dem Weg zum Chemie-Kartell?

Oft hat man schon gehört von den „bösen großen Saatgutkonzernen“, allen voran Monsanto. Das ermüdet mit der Zeit und klingt nach einfältigen linken Verschwörungstheorien. Dennoch kommt man, wenn man danach fragt, wem unsere Lebensmittel gehören, um eine kurze Erörterung der Situation auf dem Saatgutmarkt nicht herum.

Der Status Quo ist folgender. Die sechs größten Saatguthersteller Monsanto, DuPont, Syngenta, Bayer, Dow Chemical, and BASF kontrollieren weltweit 60% des globalen Saatgutmarktes und die drei größten (Monsanto, DuPont, and Syngenta) haben einen Marktanteil von 53% (Howard 2015).

Aktuell unterliegt der Saaatgutmarkt einer starken Dynamik und es steht eine zweite Welle der Konsolidierung im ohnehin schon stark konzentrierten Saatgutmarkt an. Vor kurzem hat ChemChina die Schweizer Firma Syngenta übernommen. Die US Konzerne Dow Chemical und Dupont planen gerade eine Fusion. Um sich gegen diese Saatgut-Riesen zu behaupten, hat Bayer gerade ein Übernahmeangebot von 62 Milliarden Dollar für Monsanto abgegeben. Aus den sechs größten Saatgutkonzernen würden also vier werden. Eine Übersicht zu diesen Entwicklungen findet ihr hier.

Warum aber ist die Marktstruktur jenseits volkswirtschaftlicher Betrachtungen so interessant? Oligopole können unter bestimmten Umständen problematisch werden und zwar dann, wenn sie sich wie ein Kartell verhalten. Zwar gibt es auch durchaus Wettbewerb zwischen den Saatgutriesen, der ja auch die erneute Konzentrationswelle antreibt. Beachtenswert ist aber die Kopplung zweier Wirtschaftszweige, durch alle diese Hauptakeure im Oligopol: Saatgut und Agrarchemikalien. Mittlerweile ist der Bereich der Saatgut-Entwicklung und Produktion stark mit der Agrarchemie gekoppelt. Die derzeitigen big six der Saatgutindustrie (Syngenta, Bayer Crop Sciences, BASF, DowAgroSciences, Monsanto, Dupont) kontrollieren auch 76% des globalen Agrarchemiemarktes (Howard 2015). Mittlerweile werden unsere Lebensmittel überwiegend durch Chemiekonzerne entwickelt, gezüchtet und produziert. Dies gilt selbst für Bioprodukte, da eine unabhängige ökologische Züchtung, bis auf wenige Ausnahmen, bisher fehlt. Dies führt zu einem Defacto-Kartell bei der Züchtung von Nutzpflanzen, die optimiert sind auf die chemisch-synthetischen Präparate, die diese Firmen produzieren, wie synthetischer Dünger und Pestizide.

Von der Ausrichtung der Züchtung her handelt es sich also um einen Spezialfall des Oligopols nämlich um ein Kartell, in dem die dominanten Marktteilnehmer gemeinsame Interessen teilen. Dieses Kartell kontrolliert das Marktangebot, also hier das Saatgut. Alternatives Saatgut, welches für nicht-industrielle Landwirtschaft gezüchtet wurde, ist teilweise schwer zu bekommen. Es werden zur Zeit nur wenige neue Sorten gezüchtet, die sich explizit für eine ökologische oder kleinbäuerliche Landwirtschaft eignen.

Beispielhaft umgesetzt wird dies durch die Zucht von Hochertrags-Hybridsorten (z.B. beim Mais oder Blumenkohl), die in zugegebenermaßen genialer Weise den genetischen Heterosiseffekt nutzen, um hohe Erträge und einheitliche und damit einfach industriell zu handhabende Pflanzen zu erzeugen. Diese Pflanzen sind optimiert auf riesige Monokulturen und einen starken Einsatz von synthetischen Düngern, Pestiziden und Herbiziden.

Diese Kontrolle der Zucht unserer Lebensmittel hat weitreichende Folgen. Die Kontrolle der Zucht führt auch zur Kontrolle darüber, in welchem landwirtschaftlichen Modell unsere Lebensmittel hergestellt werden. Unsere Landwirtschaft wird immer weiter auf eine hochindustrialisierte Wirtschaftsform optimiert. Es ist sicherlich schwierig und vielleicht auch nicht wünschenswert zum jetzigen Zeitpunkt die Landwirtschaft wieder komplett zu deindustrialisieren. Eine immer weitere Verdrängung ökologischer und kleinbäuerlicher Landwirtschaft durch eine industrielle Landwirtschaft ist aber in höchsten Maße unvernünftig, wie die Auswirkungen dieser Wirtschaftsform auf Umwelt, Gesundheit und soziale Zusammenhänge zeigt.

Man darf also durchaus kritisch fragen, was passiert, wenn die derzeitige zweite Konzentrationswelle auf dem Saatgutmarkt ihre volle Wirkung in der Zukunft entfaltet. Noch brisanter wird die Situation auf dem Saatgutmarkt, wenn man das Thema der geistigen Eigentumsrechte, also der Patente, mit in den Blick nimmt.

Die Patentierungswelle: Tomaten und Paprika als technologische Erfindung und exklusives Privateigentum

Ein weiterer Aspekt der Eigentumsverhältnisse bei Lebensmitteln ist die Patentierung, also der eigentumsrechtliche Schutz von Lebensmitteln als technische Erfindungen. In der EU ist es (im Gegensatz zu den USA) eigentlich prinzipiell nicht gestattet Patente auf Organismen zu erteilen, die durch klassische Züchtungstechniken entstanden sind. Dies gilt auch für Deutschland. Die Patentierbarkeit in der EU beschränkt sich auf gentechnisch veränderte Organismen (GVO), da nur diese als technische Erfindungen gelten. Ca. 2.400 gentechnisch veränderte Pflanzen und 1.400 gentechnisch veränderte Tiere sind in der EU bisher patentiert. Diese Organismen werden überwiegend in der (medizinischen) Forschung eingesetzt. Für die kommerzielle Produktion von Lebensmitteln werden Nutzpflanzen bisher in der EU in nur sehr geringem Maße angebaut. Aus diesem Grund war die praktische Bedeutung von Patenten auf Obst, Gemüse und Getreide in der EU bisher vernachlässigbar.

Seid einiger Zeit allerdings erteilt das Europäische Patentamt auch Patente auf Lebensmittel, vor allem auf Gemüsesorten, die durch klassische Züchtung entstanden sind und daher auch in der EU ein großes Marktpotential haben. Bisher wurden rund 120 Patente auf Nutzpflanzen erteilt, die durch klassische Züchtung entstanden sind, und ca. 1000 weitere Patentanträge sind eingereicht (Then und Tippe 2015). Dadurch öffnet sich die Tür alle Lebensmittel als technische Erfindungen zu interpretieren und diese als geistiges Eigentum mittels Patentrecht zu schützen.

Hier einige kurze Beispiele dazu:

  1. Das Schweizer Unternehmen Syngenta bekam 2015 ein Patent auf eine durch klassische Züchtung erzeugte Tomate, die einen besonders hohen Anteil an Flavonolen hat, welche gesundheitsfördernd wirken sollen. Gekreuzt wurde dabei eine Wildform der Tomate aus Peru mit marktüblichen Zuchttomaten.
  2. Ein weiteres Patent wurde Syngenta auf eine Paprika erteilt, die resistent ist gegen den Befall bestimmter Insekten. Diese Paprika wurde durch die Kreuzung einer insektenresistenten Sorte aus Jamaika mit einer handelsüblichen Paprika-Sorte erzeugt.
  3. Die Firma Plant Bioscience erhielt ein Patent auf einen Brokkoli mit einem erhöhten Gehalt an gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen, sogenannten Glucosinolaten. Auch hier wurden lediglich wilde Brokkolisorten mit Zuchtbrokkoli gekreuzt. Das Patent wurde an Monsanto lizensiert und wird von diesem Unternehmen vermarktet.

Durch die Patentierung von Lebensmitteln haben die Züchtungsfirmen für 20 Jahre einen exklusiven Anspruch auf die Vermarktung der Nutzpflanzen als auch zur weiteren Nutzung des genetischen Materials für neue Züchtungen. Das Patentrecht ist ein „Ausschlussrecht“, welches den Zugang anderer zu den patentierten Pflanzen, die unsere Lebensmittel sind, verhindert. Hierdurch wird zunehmend die biologisch-genetische Vielfalt, auf der unsere Lebensmittel basieren, privatisiert und in privaten Genbanken gehortet.

Der Sinn von Patenten ist es einen finanziellen Anreiz zu schaffen für Investition in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien. Es sollen technologische Innovationen gefördert werden, dadurch dass der Erfinder das Verwertungsrecht für die technologische Erfindung erhält. Paradoxerweise aber kann der Missbrauch von Patenten genau das Gegenteil ihres eigentlichen Zweckes bewirken und Innovationen verhindern. Im Bereich der Biomedizin wurde diese paradoxe Wirkung der Patente und ihre massive Auswirkung auf die Entwicklung neuer Therapien als die Tragödie der Anti-Gemeingüter bezeichnet (Heller und Eisenberg 1998).

Noch gravierender ist aber, dass Patentmissbrauch dazu führen kann, dass bestimmte Gruppen von der züchterischen Entwicklung neuer Nutzpflanzensorten ausgeschlossen werden können.

In den USA ist die Patentierung und damit die privatrechtliche Aneignung von Nutzpflanzensorten im Vergleich zur EU schon weit vorangeschritten. In einer Analyse von US-Patenten auf Mais, Reis und Soja kommen Jefferson et al. (2015) zu dem Ergebnis, dass der Großteil der Patente, vor allem für Mais und Soja, in der Hand nur weniger großer Konzerne (vor allem Dupont und Monsanto, gefolgt von Syngenta und BASF) und einiger US-Forschungseinrichtungen liegen.

Jefferson et al. kommen zu dem Schluss, dass dies zur Verhinderung von Innovationen und zum Ausschluss bestimmter Gruppen von der Züchtung führt. Patentaustauschabkommen werden demnach vorwiegend zwischen den big six der Saatgutindustrie abgeschlossen, z.B. für eine Maissorte mit acht genetischen Modifikationen, dem sogenannten „Smartstax“-Mais, die durch ein cross-licensing zwischen Monsanto und Dow Chemicals möglich wurden (Howard 2015). Dies schließt kleine und neu in den Markt eintretende Unternehmen systematisch von Wissen und Eigentumsrechten und damit auch von der Entwicklung von Innovationen aus. Es werden also nicht nur einfach neutral Innovationen aller Art verhindert, sondern vielmehr Innovationen, die sich an den Interessen und sozialen Gruppen orientieren, die keinen Zugang zu Eigentumsrechten und Kapital haben.

Diese Tendenzen werden sich mit der zweiten Konzentrationswelle auf dem Saatgutmarkt verstärken, da auch die Patentportfolios zusammengelegt werden.

Christoph Then, Sprecher Sprecher der Initiative „No Patents on Seeds“ ordnete Patentierungspraxis konventionell gezüchteter Früchte, im Falle der Melone, wie folgt ein: „Die Erteilung des Patentes war ein klarer Rechtsbruch“. Und weiter: „Die Politik muss dafür sorgen, dass Gesetze korrekt angewendet und Verbote nicht ausgehebelt werden. In Deutschland liegt die Verantwortung bei Justizminister Heiko Maas.“

Mittlerweile gibt es ein breites Bündnis gesellschaftlicher Initiativen, das über 800 000 Unterschriften gegen die Patentierungspraxis des Europäischen Patentamtes gesammelt und diesem vor kurzem übergeben hat.

Technologische Quantensprünge: Genome Editing und Big Data

In den letzten Jahren und Monaten haben sich die technologischen Entwicklungen in den Biowissenschaften geradezu überschlagen. Einerseits wurden neue Sequenzierungstechniken entwickelt (Nextgen Sequencing), die es erlauben in Windeseile riesige Mengen von DNA, bis hin zu ganzen Genomen zu sequenzieren. Mittlerweile wurde eine enorme Zahl an Nutzpflanzen sequenziert, z.B. Hopfen, Melone, Kartoffel, Tomate und viele mehr.

Andererseits wurden neue gentechnologische Instrumente geschaffen, die die alten gentechnischen Ansätze weit in den Schatten stellen. Dazu gehört insbesondere das Genome Editing mit der CRISPR/Cas-Technologie, welche ihren Erfinderinnen möglicherweise den Nobelpreis einbringen könnte. Genome Editing ermöglicht eine viel präzisere und schnellere Änderung des Genoms an mehreren Genen gleichzeitig. Genome Editing ermöglicht das „Abschreiben“ und „Umschreiben“ von Genen, ähnlich wie in einem digitalen Text, wodurch auf den physischen Transfer von Genen zwischen Rassen oder Arten verzichtet werden kann. Eine kleine Übersicht über die durch die neue Gentechnik erzeugten Organismen findet man in diesem Artikel des Gen-ethischen Informationsdienstes.

Paradoxerweise ist ein bedeutendes Potential des Genome Editings nicht etwas völlig anderes zu können als die klassische Züchtung. Dies war ja bisher ein Vorteil der Gentechnik: Gene können über Artgrenzen übertragen werden. Das kann die klassische Züchtung nicht leisten (außer durch sehr aufwendige kreuzungstechnische Tricksereien).

Das Genome Editing kombiniert mit Genomdaten erlaubt eine enorme Abkürzung der klassischen Züchtung. Ein Beispiel ist die Züchtung von Rindern durch die US-Firma Recombinetics. Es gibt Rinderrassen, die eine gute Milchleistung haben aber auch ausgeprägte Hörner, die bei der Stallhaltung von Nachteil sein und zur Verletzung der Tiere führen können. Dagegen gibt es andere Rinderrassen, die zwar keine Hörner haben aber dafür eine geringe Milchleistung. Wenn nun die Gensequenzen für beide Eigenschaften bekannt sind (Hornbildung/Milchleistung), vergleicht man einfach die beiden Rassen und passt das Genom durch einen direkten Eingriff an ohne Gene zwischen den Rassen übertragen zu müssen. Man ändert „einfach“ mit Hilfe des Genome Editings die Gene für die Hornbildung der Milchkuh so, dass sie dem der Fleischkühe gleichen. Gewissermaßen handelt es sich um ein „Abschreiben“ des Horngens von einer in eine andere Rasse.

Bei der klassischen Züchtung müsste man die beiden Rassen miteinander kreuzen. Das Problem ist aber, dass auch immer andere genetische Eigenschaften mit übertragen werden. Dies kann nur durch lange, wiederholte Kreuzungs- und Selektionsprozesse erreicht werden, die Jahre in Anspruch nehmen.

Durch diese rasenden technischen Fortschritte in der Gentechnik wird die gentechnische Züchtung von Lebensmitteln effizienter und effektiver. Diese Technik hat möglicherweise das Potential, die klassische Züchtung (zumindest teilweise) überflüssig zu machen.

Aus eigentumsrechtlicher Sicht entscheidend ist, dass Lebensmittel, wenn sie gentechnisch erzeugt werden, zunehmend den Status technischer Erfindungen erhalten und sich patentieren lassen.

Es besteht die Gefahr, dass die großen Konzerne auch diese mächtigen technischen Werkzeuge und die daraus hervorgehenden Nutzpflanzensorten immer mehr für sich vereinnahmen durch Patentierung und Lizenzierung oder Patentaustauschabkommen. So hat z.B. Dupont durch Lizenzierung des CRISPR Verfahrens einen neuen GVO-Mais gezüchtet.

Am Ende dieses Abschnitts möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass ich keinesfalls ein Gegner von Gentechnik und Genome Editing bin. Ich denke, wir haben die Verantwortung das Potential dieser Technologie zu erforschen und in konkreten Anwendungsbereichen Vor- und Nachteile dieser Technik abzuwägen.

Die Zukunft unserer Lebensmittel: Gemeingut oder exklusives Privateigentum?

Die Parallelentwicklungen von Patentierung von Lebensmitteln, zunehmender Marktkonzentration in der Saatgutindustrie und der rasenden technischen Entwicklung im Bereich der Züchtung birgt die Gefahr, dass die fundamentale Grundlage unseres Lebens, unsere Lebensmittel, in den Händen mächtiger Chemie-Konzerne und Kartelle liegen. Dadurch haben diese Firmen einen erheblichen Einfluss darauf, wie Lebensmittel angebaut, verarbeitet, gehandelt werden und welche Lebensmittel letztlich in den Regalen der Geschäfte auf unseren Tellern und in unseren Bäuchen landen.

Da Lebensmittel, ebenso wie die Luft zum Atmen, ein fundamentales menschliches Grundbedürfnis sind, dürfen sie nicht ausschließlich von wenigen privaten Interessen kontrolliert werden, insbesondere, wenn diese überwiegend ganze bestimmte Formen der Lebensmittelproduktion vertreten (hochindustriell und chemie-basiert). Dies verhindert eine selbstbestimmte Ernährung der Menschen. Nicht alle Menschen auf der Welt wollen oder brauchen Lebensmittel, die für eine chemisch-industriell orientierte Produktion optimiert sind.

Die privatrechtliche Aneignung biologisch-genetischer Vielfalt unserer Lebensmittel sollte deshalb nicht komplett abgeschafft, aber doch stark beschränkt und kontrolliert werden.

Lebensmittel sowie die dieser zugrundeliegenden biologisch-genetische Vielfalt sollten deshalb, zumindest teilweise, als öffentlich zugängliches Gemeingut (commons im Englischen) geschützt werden. Hierzu gibt es praxisorientierte Initiativen, wie Kultursaat in Deutschland oder die Open Source Seed Initiative in den USA (deren Konzept in Luby et al. 2015 beschrieben ist). Überlegungen zur Anwendung des Open Source Gedankens auf Saatgut findet man bei Kotschi und Minkmar (2015).

Bei den derzeitigen Entwicklungen geht es vor allem um die Zukunft der Lebensmittel. Diese wird jetzt entschieden.

Literatur

Banzhaf, A. (2016) Saatgut – Wer die Saat hat, hat das Sagen. Oekom Verlag, München.

Heller, M. A., & Eisenberg, R. S. (1998). Can patents deter innovation? The anticommons in biomedical research. Science, 280(5364), 698-701.

Howard, P. H. (2015). Intellectual property and consolidation in the seed industry. Crop Science, 55(6), 2489-2495.

Jefferson, O. A., Köllhofer, D., Ehrich, T. H., & Jefferson, R. A. (2015). The ownership question of plant gene and genome intellectual properties. Nature biotechnology, 33(10), 1138-1143.

Kotschi, J. und L. Minkmar (2015): Zur Anwendbarkeit von Open-Source Lizenzen auf Saatgut. Arbeitspapier. AGRECOL. Göttingen.

Luby, C. H., Kloppenburg, J., Michaels, T. E., & Goldman, I. L. (2015). Enhancing freedom to operate for plant breeders and farmers through open source plant breeding. Crop Science, 55(6), 2481-2488.

Then, C. und Tippe, R. (2015) Patente auf Pflanzen und Tiere: Jetzt müssen Europas Politiker handeln. Keine Patente auf Saatgut!

Advertisements

11 Gedanken zu „Wem gehören unsere Lebensmittel? Von Patentierungswellen, Marktentwicklungen und technologischen Quantensprüngen

  1. Erstmal ein paar begriffliche „Krümelkackereien“:

    einfältigen links-liberalen Verschwörungstheorien

    Links, vielleicht, liberal eher nicht. Der Begriff linksliberal passt nicht wirklich hierher.

    Von der Ausrichtung der Züchtung handelt es sich also um einen Spezialfall des Oligopols nämlich um ein Kartell, in dem die dominanten Marktteilnehmer gemeinsame Interessen teilen.

    Ähm… Nein. Zumindest nicht nach der üblichen Definition von Kartellen. Von diesen spricht man, wenn es Preis- oder sonstige Absatzstrategie-Absprachen gibt. Hier haben wir mit einem „gewöhnlichen“ Oligopol zu tun, in dem die Oligopolisten verständlicherweise ähnliche Interessen haben, weil sie eben auf demselben Markt agieren, der offensichtlich auch homogen genug ist, um Oligopolisierung möglich zu machen.

    Und nun zum Inhalt. Ich habe den Beitrag mit Interesse gelesen; gerade bei den Patenten auf konventionell gezüchtete Sorten würde ich mir eine verlässliche Quelle wünschen als Then/Tippe, gerade weil nach meinem Wissen so was mit den Grundsätzen des Patentrechts eigentlich überhaupt nicht vereinbar ist (das bedeutet nicht, dass es derartige Patente nicht geben kann – aber Patente sind verdammt komplizierte Dokumente; nachzuvollziehen, was genau patentiert wurde, ist keineswegs trivial). Zu deiner Kernbotschaft habe ich Anmerkungen:

    Da Lebensmittel, ebenso wie die Luft zum Atmen, ein fundamentales menschliches Grundbedürfnis sind, dürfen sie nicht ausschließlich von wenigen privaten Interessen kontrolliert werden, insbesondere, wenn diese überwiegend ganze bestimmte Formen der Lebensmittelproduktion vertreten (hochindustriell und chemie-basiert). Dies verhindert eine selbstbestimmte Ernährung der Menschen. Nicht alle Menschen auf der Welt wollen oder brauchen Lebensmittel, die für eine chemisch-industriell orientierte Produktion optimiert sind.

    Der Bezug erschließt sich mir nicht. Wenn wir wirklich nicht-industrielle Landwirtschaft wollen (wir = Konsumenten), was jucken uns dann Monsanto & Co.? Ja, sie entwickeln immer wieder neue Sorten und patentieren zumindest manche von ihnen. Na und? Zwingt uns irgendjemand, diese Sorten nachzufragen? Meine Intuition wäre vielmehr, dass das Problem, wie üblich, auf der Nachfrageseite verortet ist – entweder ist es den Menschen egal, wo ihre Lebensmittel herkommen; oder sie sind „unmündig“ (im Kant’schen Sinne), haben also einfach keine Ahnung. Bei Letzterem ist es aus meiner Sicht schwer zu sagen, ob sie wirklich von Monsanto & Co. in irgendeiner Weise benachteiligt werden – wenn sie sich nicht informieren (wollen)… Nun ja, da kommt das raus, was wir zzt. vorfinden.

    Ich stimme dir zu, dass die Oligopolisierung des Saatgutmarktes problematisch ist, industrielle Landwirtschaft sowieso. Nur weiß ich nicht, ob die Begründung für diese Sorge, die du angibst, zutreffend/überzeugend ist.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für die Hinweise zu „links-liberal“, das habe ich korrigiert.

      Danke auch für die Hinweise zum Begriff des Kartells. Diesen Begriff habe ich wohl fachlich nicht ganz korrekt verwendet, wenn er sich nur auf die Preisgestaltung bezieht. Ich habe ihn hier so benutzt/verstanden, dass die „Großen“ sich so verhalten, dass sie kleinere Saatguthersteller und Züchter vom Markt ausschließen oder verdrängen, untereinander aber auch kooperativ handeln (z.B. durch Patentaustauschabkommen, Austausch von Technologie) um ihre Marktposition zu sichern. Könnte man dies nicht auch als Kartell bezeichnen?

      Zu den Patenten: Es gibt Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere. Das ganze ist wie ich gesagt habe eigentlich nach EU recht auch nicht erlaubt. Durch Formulierungstechnische Tricks und eine entsprechende Interpretation des EU Patentamtes (welches kein direkter Teil der EU sondern eher eine zwischenstaatliche Einrichtung ist), wurden aber Patente auf konventionelle Sorten zugelassen. Das ist mit ziemlicher Sicherheit eine richtige Tatsachenbehauptung. Hierzu gibt es auch engagierten Widerstand: http://www.epo.de/index.php?option=com_content&view=article&id=12850:protest-gegen-patente-mehr-als-800-000-unterschriften-gegen-patente-auf-pflanzen-und-tiere&catid=58&Itemid=100198

      Saatgut ist sicher nicht alles aber es ist doch ein zentraler Bestandteil des Landwirtschaftlichen Modells, welches wir nutzen. Deshalb ist es ja gerade so lukrativ die Vermarktung von Saatgut mit Agrarchemie zu koppeln. Es ist doch relativ schwer vorstellbar, dass wir mit den Sorten, die von den Chemiekonzernen kommen eine bessere Landwirtschaft möglich ist, weil diese auf die industrielle Landwirtschaft angepasst sind und weil die Saatgutkonzerne eben daran interessiert sind ihre Chemikalien zu verkaufen. Das Saatgut ist nicht nur biologische Voraussetzung für Landwirtschaft und Lebensmittel sondern auch ein enormer Machthebel.

      Ich denke es ist schwer das auf der Ebene des Konsumenten zu lösen, da Saatgut eben kaum erfahrbar den Alltag der meisten Städter berührt.

      Gefällt mir

      • Nur kurz:

        Als Kartell bezeichnet man illegale Strukturen. Andererseits gibt es Grauschattierung wie bspw. OPEC (nicht illegal, da keine Instanz verfügbar, die über ihnen stehen würde). Ich würde sagen, Oligopol ist zutreffender.

        Zu Patenten: ich habe inzwischen eine Bestätigung auf der Seite des Europäischen Patentamtes gefunden:

        The EPO’s Enlarged Board of Appeal (EBoA) ruled in G 1/98 that plants are in principle patentable if the technical teaching of the invention is not limited to a specific plant variety or varieties. In 2010 the EBoA decided, in what is known as the „broccoli and tomato I case“ (G 2/07 and G 1/08), that a process for the production of plants comprising the steps of crossing and selection is excluded from patentability even if it contains an additional step of a technical nature, such as the use of molecular genetic markers. The EBoA was then asked in another referral to clarify whether the products of such processes (i.e. plants or fruits) are likewise excluded from patentability. In its decisions (G2/12 and G2/13, known as “broccoli and tomato II”) of March 2015, the Enlarged Board ruled that the products of essentially biological processes could still be patented – if the conditions of patentability are fulfilled – even if they are obtained from such a non-patentable method.

        Absurd. Mehr kann man dazu wohl nicht sagen.

        Mein Argument bezüglich der Oligopol-Problematik hast du, glaube ich, missverstanden: ich meine damit, dass das Saatgut produziert wird, weil es nutzbar ist in dem Typus von Landwirtschaft, der von den meisten Konsumenten implizit nachgefragt wird. Ich glaube dir, ohne davon Ahnung zu haben, dass das Saatgut von Monsanto & Co. für biologische Landwirtschaft nicht wirklich geeignet ist. Aber du kannst – dies ist mein Argument – Monsanto & Co. nicht wirklich dafür kritisieren, dass die Mehrheit der Konsumenten eben nicht biologisch hergestellte Lebensmittel nachfragt. Ich leugne nicht, dass die Marktkonzentration und daraus resultierende Einseitigkeit in der Ausrichtung der Saatgutproduktion für Biolandwirte ein Problem darstellt. Aber ich sehe die Hauptverantwortlichkeit dafür bei den Konsumenten, nicht primär bei malignen Marktstrukturen.

        Gefällt mir

      • OK also ein Oligopol, kein Kartell, danke!

        Die Patentsituation scheint in der Tat von Widersprüchen und Absurditäten durchzogen zu sein. Hier ein Auszug aus Then und Tippe (das Dokument halte ich schon für recht fundiert):

        „Zusammengefasst macht es die Art und Weise, wie das EPA mit Art 53 b, EPÜ umgeht, für Konzerne und Patentanwälte extrem leicht, diese Verbote zu umgehen: Der einfachste Weg besteht darin, ein bestimmtes Merkmal von Pflanzen oder Tieren (zum Beispiel über die Beschreibung des Genoms, der Inhaltsstoffe, der landwirtschaftlichen Merkmale) zu beanspruchen und den Wortlaut der Ansprüche so zu wählen, dass alle Pflanzen und Tiere und alle Verfahren, die zu ihrer Herstellung verwendet wer- den könnten (auch die Gentechnik), umfasst werden. Solange ein Patentanmelder in den Ansprüchen nicht ausdrücklich „Pflanzensorten“ und „im Wesentlichen biologische Verfahren“ beansprucht, ist dem Wortlaut der Gesetze Genüge getan. De facto aber umfassen derartige Patente sowohl Pflanzensorten als auch im Wesentlichen biologische Verfahren.“

        Und ja du hast recht, das die meisten eben billiges Essen haben wollen (habe selbst grad nicht viel Geld und kaufe nicht alles Bio) und damit das Saatgut von Monsanto und Co. Aber alles auf die Verantwortung der Konsumenten zu schieben finde ich auch nicht richtig. Es ist ja nicht so, dass diese Konzerne kein Handlungsspielraum haben. Wieso fangen diese nicht an ernsthaft ökologische Züchtung zu betreiben und sind bereit mindestens einen Teil ihres Wissens und ihrer Technologie zu teilen (z.B. durch kostenlose Lizensierung ihrer patentierten Sorten).

        Abgesehen davon finde ich diese massive Aneignung von Natur und kultivierter biologischer Vielfalt schon sehr dreist und ungerecht. (Das ist zugegebenermaßen eine Haltung, die ich nicht weiter begründen kann aber vielleicht auch nicht muss)

        Gefällt mir

  2. Pingback: Von der Bioökonomie zur Biokultur: Biokultursysteme und ihre Evolution | kochkultur-leipzig

  3. Pingback: Von der Bioökonomie zur Biokultur: Biokultursysteme und ihre Evolution | Bio-Kultur

  4. Pingback: Nobelpreis für Genome Editing? Ein Kommentar und ein paar Gedanken | kochkultur-leipzig

  5. Pingback: Von der Bioökonomie zur Biokultur: Biokultursysteme und ihre Evolution | BioKultur

  6. Pingback: Symposium für Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt 2016: zwischen Erhaltung und Weiterentwicklung biologischer Vielfalt | BioKultur

  7. Pingback: Saatgut-Alternativen für die nächste Garten-Saison: ein kleiner Wegweiser | kochkultur-leipzig

  8. Pingback: Saatgut-Alternativen für die nächste Garten-Saison: ein kleiner Wegweiser | Querbeet Leipzig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s