Das Potential eines Ernährungsrates für Leipzig

CFPAC-logo-horizontal Bild oben: Das Logo des Ernährungsrates in Chicago.


Inspiriert von der „Tafelrunde“, einer Veranstaltung, die von Leipzig Grün – Netzwerk für Stadtnatur organisiert wird, möchte ich hier ein paar Gedanken zum Thema Ernährungsrat loswerden. Gastgeberin war Urte Grauwinkel, die die Food Assembly Leipzig im Westwerk organisiert, und es gab eine leckere sächsische Kartoffelsuppe von Claudia von der Heldenküche. Als Gäste waren Valentin Thurn, der den Ernährungsrat in Köln angestoßen hat, und Udo Tremmel aus Berlin, der sich für die Gründung eines Ernährungsrates in Berlin engagiert hat, eingeladen. Beide berichteten von ihren Erfahrungen sowie dem Potential, den ein solcher Ernährungsrat hat. Danach ging es in die Diskussion und es wurden eine Reihe von Argumenten für und wider einer solchen Einrichtung diskutiert.

In Amerika haben die Ernährungsräte eine mittlerweile weite Verbreitung gefunden und werden dort als food policy councils bezeichnet. Der Sinn eines Ernährungsrates soll es sein, die Ernährung wieder zu einem politischen Thema und einem Feld für praktisches Handeln und zivilgesellschaftliches Engagement auf lokaler Ebene zu machen. Wie es Philipp Stierand in seinem Buch „Speiseräume“ schön beschreibt (Stierand 2014), ist im Laufe der Industrialisierung der Lebensmittelversorgung das Thema Ernährung aus der lokalen Politik als Handlungsfeld fast völlig verschwunden. Aber auch der Konsument kann fast nur noch durch seine Kaufentscheidungen (konventionell, handwerklich, Bio, regional, fair etc.) Einfluss auf die Lebensmittelversorgung nehmen. Begründet ist dies in der Delokalisierung unseres Ernährungssystems. Lokale Beziehungen zwischen Landwirten, Lebensmittelverarbeitern und Konsumenten wurden aufgebrochen durch einen internationalen Handel und Lebensmittelfabriken, die fernab der Welt der Konsumenten liegen. Dies hat zur Konsequenz, dass wir auf lokaler Ebene letztlich unsere Ernährung aus der Hand geben. Die Entscheidungen darüber, was und wie wir essen, überlassen wir den Chefetagen großer (Bio-) Lebensmittelkonzerne, sowie Lobbygruppen und Politikern auf nationaler und EU-Ebene.

Ein Ernährungsrat bietet die Chance, die verschiedenen komplexen Teile unseres Ernährungssystems zusammenzuführen. Hier können sich die Akteure der gesamten Wertschöpfungskette (von der Landwirtin über die Bäckerin, dem Einzelhändler, Gastronomen und den Konsumentinnen) austauschen. Hier können neue Chancen, Ideen aber auch konkretes Handeln und Projekte entstehen.

Ernährungsräte könnten das Thema Lebensmittel und Ernährung wieder in das Bewusstsein der lokalen Politik und der Zivilgesellschaft zurückholen. Dadurch könnten wir ein Stück Selbstbestimmung in Sachen Ernährung, also Ernährungsunabhängigkeit, wiedergewinnen. Ernährungsunabhängigkeit wird von Lebensmittelaktivisten oft etwas elaborierter als Ernährungssouveränität bezeichnet.

Soweit klingt das ja ganz gut. Was aber kann ein Ernährungsrat wirklich bewirken? Letztlich ist der Ernährungsrat als ein informelles Gremium gedacht, in dem Vertreter der Zivilgesellschaft und der Stadtverwaltung sitzen. Er besitzt keine formalen politischen Befugnisse. Die Ernährungsräte in Köln und Berlin besitzen (bisher) wenig finanzielle Ressourcen und müssen im Wesentlichen vom ehrenamtlichen Engagement der Beteiligten aufrecht erhalten werden. Es besteht durchaus die Gefahr, dass am Ende nur ausgedehnte Sitzungsmarathons, Papierkrieg und Ideen entstehen, die mangels Ressourcen keiner umsetzen kann.

Die Themen Lebensmittel und Ernährung erfahren allerdings gerade wieder eine enorme Renaissance. Viele Menschen und Gruppen engagieren sich in Leipzig und Umgebung mit viel Leidenschaft und Herzblut für eine zukunftsfähige Ernährung. Diese bunte Vielfalt und Energie der Menschen könnte ein fruchtbarer Boden für einen möglichen Ernährungsrat sein.

Vielen Dank an die OrganisatorInnen dieser anregenden Tafelrunde, ich freue mich schon auf die nächste!

Literatur zum Weiterlesen

Stierand, P. (2014). Speiseräume: Die Ernährungswende beginnt in der Stadt. Oekom Verlag.

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Ein Gedanke zu „Das Potential eines Ernährungsrates für Leipzig

  1. Pingback: Es geht rund: Ernährungsräte im Sommer und Herbst 2017 - Speiseräume: Stadt/Ernährung

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