Ein Blick auf die Schweinezucht: Aktuelle Beiträge im ZDF und ARD

Farrowingcrate KopieFoto Links: Eine Sau mit ihren Ferkeln in einem „modernen“ Kastenstand. Viel Bewegungsfreiheit bleibt hier nicht für das Tier. Foto von Baileynorwoodrocks, Quelle Wikipedia.


Gerade eben habe ich einen interessanten Beitrag im ZDF zur Schweinezucht gesehen. Dieser Beitrag zeigt sehr ausgewogen die Perspektiven sowohl „konventioneller“ Schweine-Landwirte als auch von Ökolandwirten oder sogenannten „bäuerlichen“ Landwirten. Der ZDF Beitrag „Alles arme Schweine?“ zeigt einerseits wie stark die Schweinezüchter von der verarbeitenden Industrie, dem Handel aber eben auch dem Verbraucher unter Druck gesetzt werden, billiges Fleisch zu produzieren. Das meiste Fleisch, das über die Ladentheke wandert, ist billiges, konventionelles Fleisch. Biofleisch ist noch ein absolutes Nischenprodukt. Für das Jahr 2011 lag der Anteil der geschlachteten Bioschweine an den in Deutschland verarbeiteten Schweinen bei 0,7% nach Angaben des Bundes ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW 2013). Ich selbst schrecke vor den happigen Preisen auch zurück, so dass ich das gut verstehen kann. Da ich nicht mehr gerne konventionlles Fleisch esse, bin ich so (fast) zum Zwangsvegetarier geworden. Auf der anderen Seite werden in dem Fernsehbeitrag die Projekte bäuerlicher oder ökologischer Landwirte in Schwäbisch Hall gezeigt. Diese produzieren unter ökologischen Bedingungen in einer Erzeugergemeinschaft und nehmen die gesamte Wertschöpfungskette in die Hand, von der Schweinezucht, über die Schlachtung, Verarbeitung und den Handel, um sich unabhängiger von den großen Unternehmen zu machen. Gezeigt werden nicht nur die Nachteile der konventionellen sondern auch der ökologischen Zucht, wie eine höhere Verletzungsgefahr und ein stärkerer Befall mit Parasiten.

Zucht von Tierrassen für die Massentierhaltung

Ein interessanter Aspekt sind die Schweinerassen und damit die Zucht im engeren Sinne. Damit gemeint ist im Gegensatz zu Zucht als Haltung und Mast von Schweinen die gezielte Auslese von Schweinen mit bestimmten Merkmalen, um eine Rasse mit bestimmten Eigenschaften zu entwickeln. In den letzten Jahrzenten ist die konventionelle Zucht bei Schweinen aber auch Hühnern immer mehr auf eine maximale Produktion gegangen und hat andere Aspekte, wie das Wohl der Tiere sowie die Angepasstheit an ökologische Haltungsbedingungen zunehmend vernachlässigt. Die Tiere werden zu einem durch Zuchttechnik optimierten Rädchen in der Fleisch-Produktions-Maschinerie. Dies führt unter anderem dazu, dass sich die meisten Schweinerassen aufgrund ihrer geringen Fettschicht kaum noch für die Freilandhaltung eignen. Andererseits führte die extrem auf den Eierertrag fixierte Zucht bei Legehennen dazu, dass männliche Küken nur noch geboren werden um zu sterben. Die männlichen Küken scheinen für die kommerzielle Mast nicht produktiv genug zu sein und landen in der Tonne.

Wir brauchen eine verantwortungsvolle Zucht neuer Tierrassen

Interessant sind deshalb Initiativen, die sich um eine Zucht und Weiterentwicklung von Tierrassen bemühen, die an ökologische Bedingungen angepasst sind. Ein Beispiel ist die kürzlich von Bioland und Demeter ins Leben gerufene ökologische Tierzucht GmbH. Die Zucht von Tierrassen aber auch Pflanzensorten ist ein absolut fundamentaler Bestandteil unseres Ernährungssystems und wird oft vernachlässigt. Die Zucht von Pflanzen und Tieren spiegelt, wie wir mit Leben umgehen. Gleichzeitig steht die Zucht am absoluten Anfang der Wertschöpfungskette und ist damit auch von enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Viele Biobetriebe sind derzeit noch auf konventionelle Tierrassen und Gemüsesorten angewiesen, weil ökologische Alternativen fehlen. Die Zeitschrift Ökologie und Landbau hat der Zucht-Thematik eine ganze Ausgabe gewidmet (Ausgabe 2, 2015). Die oft zitierten „alten Sorten“ sind allerdings nur schwer in der kommerziellen Landwirtschaft einzusetzen. Ich habe alte Gemüsesorten selber ausprobiert und auch von vielen versierten Hobbygärtnern gehört, dass viele der alten Sorten nicht mal im Hobbygarten wirklich gut funktionieren. Ihre Produktivität ist relativ gering und ihr Anbau deshalb auf Subventionen oder liebhaberische Fürsorge angewiesen. Ähnliches gilt für alte Nutztierrassen. Allerdings haben alte Rassen durchaus einen nicht unerheblichen Wert und können als Zuchtmaterial für die Entwicklung neuer ökologischer Rassen dienen. In jedem Fall ist die Zucht ökologischer Sorten aber ein sehr langwieriger und kostspieliger Prozess, vor allem, wenn man sich ausschließlich klassischer Zuchtwerkzeuge (Auslese und Kreuzung) bedient. Deshalb wird es diese Zucht nicht einfach haben, sich gegen moderne Zuchtmethoden durchzusetzen. Vor allem neue Gentechnik, z.B. das sogenannte Genom Editing, wird wahrscheinlich die Tierzucht massiv verändern. Mit dieser Technik ist eine extrem schnelle und effektive Zucht möglich. So wurden z.B kürzlich von einer amerikanischen Firma in sehr kurzer Zeit hornlose Milchkühe gezüchtet. Unsummen an Geld fließen gerade in die Erforschung von Genome Editing. Gleichzeitig mühen sich klassische Züchter jahrelang rum, um ähnliche Erfolge zu erzielen und deren Finanzierung sieht (im Moment) auch noch eher mau aus. Mehr Infos zur ökologischen Zucht findet ihr hier beim Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft. Es wäre schön, wenn sich vielleicht der ein oder andere potente Geldgeber finden würde die ökologische und tierwohlgerechte Züchtung zu unterstützen.

Abschreckende Einblicke

Einen sehr abschreckenden Beitrag zur Schweinehaltung gab es kürzlich beim Report Mainz (Video unten). Hier sieht man vor allem, was mit kleinen Ferkeln passiert, die aus nicht ganz ersichtlichen Gründen den Produzenten überflüssig zu sein scheinen. Das ist nur etwas für nicht so zart-beseitete Gemüter. Falls ihr aber eine Motivation braucht weniger Fleisch zu essen, dann solltet ihr euch das anschauen.

Zunehmender gesellschaftlicher Druck

In jedem Fall muss und wird sich aber in der Haltung und der Zucht von Tieren in der Zukunft etwas ändern. Davon bin ich überzeugt. Zur Zeit baut sich ein zunehmender gesellschaftlicher Druck auf die Akteure des industriellen Ernährungssystems auf. Dies kann einen gewissen Handlungszwang erzeugen. Ein Beispiel ist das sich wenn auch nur zaghaft ändernde Konsumverhalten. Mittlerweile nehmen vegane und vegetarische Produkte dem Fleisch zunehmend Marktanteile weg, da die Verbraucher die Bedingungen der Massentierhaltung nicht mehr akzeptieren.  Ein weiteres Beispiel ist die „Initiative Tierwohl“, die konventionelle Bauern für eine Verbesserung der Haltungsbedingungen entlohnt. Noch besser wäre eine transparente Kennzeichnung der Tierhaltung auf allen Fleischprodukten analog zur Kennzeichnung der Haltungsbedingungen bei Eiern, wie dies kürzlich der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer gefordert hat. Dies würde dem Verbraucher bei jedem Kauf die Konsequenzen seiner Entscheidungen bewußt machen.

Nachtrag (30.01.16): 1 Cent pro Ei für die ökologische Zucht

Die ökologische Tierzucht GmbH wirbt mit der Idee, dass es im Naturkostfachhandel einen Cent Aufschlag pro Ei geben sollte, um die ökologische Zucht von Hühnern zu fördern. In Zukunft soll dann über eine Art Siegel kommuniziert werden, dass die Eier von ökologisch gezüchteten Hühnern stammen.

Literatur

BÖLW (2013). Zahlen – Daten – Fakten. Die Biobranche 2013.

 

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