Die Ernährungswende: Was sich wirklich ändern muss – radikale Transparenz und Solidarität

Bildschirmfoto 2016-01-17 um 3.29.10 AMFoto oben: Hier sieht man die Traktoren auf der „Wir haben es satt“ Demonstration in Berlin am gestrigen Samstag (Das Foto stammt aus einem Video von MarekThi).


Am gestrigen Samstag, dem 16.1, hat ein breites Bündnis aus Landwirten, Naturschützern, Globalisierungskritikern und kritischen Verbrauchern in Berlin eine Demonstration unter dem Motto „Wir haben es satt“ organisiert. Mit dabei waren unter anderem Vertreter, Mitglieder und Sympathisanten der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, vom BUND, ATTAC, NABU und Slow Food. Demonstriert wurde gegen verschiedene Aspekte des industriellen Ernährungssystems, wie der Massentierhaltung und Tierleid, Schäden der Umwelt durch konventionelle Landwirtschaft und den Druck der Lebensmittelindustrie und des Lebensmittelhandels auf die Lebensgrundlage von Kleinbauern. Nach Polizeiangaben haben auf dieser Demonstration 13 500 Demonstranten teilgenommen. Auf der Gegendemo, die unter dem Motte „Wir machen euch satt“ lief, fanden sich nach Polizeiangaben gut 500 Teilnehmer zusammen. Ihr Anliegen war die Verteidigung der konventionellen Landwirtschaft als ihrer Auffassung nach wichtige Grundlage unserer Gesellschaft. Damit steht dieses Bündnis für die Aufrechterhaltung des derzeitigen Status Quo unseres Ernährungssystems.

Das „Wir haben es satt“- Bündnis scheint mittlerweile einiges an Schlagkraft gewonnen zu haben, verbindet es doch sehr verschiedene gesellschaftliche Bereiche und Akteure. Veganer und Tierschützer demonstrieren neben Rinder- und Schweinezüchtern, Naturschützer sind vereint mit Landwirten. Trotzdem, 13 000 Demonstranten was ist das gegen die Anti-AKW Bewegung? In den 70igern und 80igern kamen mehrere zehntausend bei einer einzelnen Demo zusammen und nach der Fukuschima-Katastrophe waren es auch geschätzte 40 000. Das „Wir haben es satt“- Bündnis ist immer noch sehr schwach und ein recht kleiner Haufen auch wenn die entsprechenden Verbände dies anders verkaufen mögen und auch die Zahl der Teilnehmer mit 23 000 weitaus höher angeben.

Die Biobranche wächst zwar, ist aber immer noch ziemlich klein mit einem Anteil von 3,7% am Lebensmittelumsatz in Deutschland für das Jahr 2013 nach den Angaben des Bundes für ökologische Lebensmittelwirtschaft. Der Anteil des Fleichkonsums in Deutschland ist nach den Angaben des Fleischatlas 2016 nur leicht rückläufig und die Fleischproduktion steigt ins Grenzenlose. Aber warum ist das so?

Von der sinnvollen Industrialisierung zur perversen Superindustrialisierung

Vor gar nicht so langer Zeit waren wir in Deutschland ernsthaft vom Hunger bedroht. Das war ein starker, extrem lebensnaher und sinnvoller Antrieb Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung und Handel weiterzuentwickeln und zu industrialisieren. Ebenso sinnvoll war ein gewisses Maß an internationalem und interregionalem Handel mit Lebensmitteln, um unsere Ernährung kulturell zu bereichern aber auch um uns gegen regionale Ernteausfälle abzusichern. Mittlerweile hat sich aber unser Ernährungssystem in eine gefährliche Spirale geschwungen. Unser Ernährungssystem ist nicht mehr industrialisiert sondern superindustrialisiert. Es wird bestimmt von der Logik von Technologie, internationalen Märkten und total übertriebenen Gewinnstreben. Ein Großteil der Lebensmittel wird nicht mehr produziert, um ihren eigentlichen Sinn uns als Lebens-Mittel zu dienen, zu erfüllen.

Die gewollte Unsichtbarkeit von Zerstörung und Leid durch Lebensmittel

Die Auswirkungen des heutigen Ernährungssystems sind allerdings weitgehend indirekt und jenseits des Alltags des Großteils der Bevölkerung. Die Auswirkung der Lebensmittelproduktion sind für die meisten nicht direkt im Alltag erfahrbar und haben deswegen wenig Konsequenzen für ihr Handeln. Die Lebensmittelproduktion ist durch räumliche Trennung und soziale Differenzierung kein Teil der Lebenswelt (Lebenswelt im Sinne von Schütz und Luckmann 2003) der meisten Menschen mehr, die in Städten leben und nur zum Urlaub auf „das Land“ fahren oder darüber in Zeitschriften wie der „Landlust“ sich etwas vorromantisieren lassen. Die Lebenswelt der meisten Menschen ist von anderen pragmatischen Motiven geprägt (soziale und kulturelle Teilhabe, Famile und Freunde, Job). Direkt erfahrbar und damit Teil der Lebenswelt vieler Menschen aber sind die mediale Kommunikation der Lebensmittelindustrie und die Lebensmittelverpackungen und zwar jeden Tag und überall (im Supermarkt, im Bistro, im Internet etc.). Da hilft es auch nicht, dass wir von Zeit zu Zeit mal von Wissenschaftlern und Journalisten etwas über die problematischen Konsequenzen der Lebensmittelproduktion hören. Wir erleiden ein kritisches Ausmaß an Entfremdung von der Lebensmittelproduktion und damit unserer eigenen Lebensgrundlage.

Entlarvend für die Lebensmittelindustrie ist ein Interview von 2014 durch Spiegel Online mit Christoph Minhoff Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE):

„SPIEGEL ONLINE: Zur Eröffnung der Grünen Woche haben Sie erklärt: „Allein die industrielle Lebensmittelproduktion kann den hohen Verbraucheransprüchen gerecht werden“. Und doch wirbt die Branche weiterhin mit glücklichen Kühen auf der Weide und handgerührtem Joghurt. Passt das zusammen?

Minhoff: Werbung schöpft natürlich nach wie vor die Freiräume so weit wie möglich aus. Natürlich wird da emotionalisiert, das ist aber auch im Journalismus so oder in der Politik. Ungewöhnlich ist nicht, auszuloten, wie weit man gehen kann, sondern dass man das Werbung vorwirft. Den Medien könnte man auch vorwerfen, dass sie solche Themen groß ausbreiten, obwohl sie die breite Masse der Verbraucher nicht zwangsläufig interessieren.“

Zwei Kernelemente auf dem Weg zur Ernährungswende: radikale Transparenz und Solidarität

Es gibt zwar mittlerweile ein System, das die „guten“ Lebensmittel wie Biolebensmittel und fair gehandelte Lebensmittel kennzeichnet. Was aber fehlt ist echte Transparenz vor allem auch bei konventionellen Lebensmitteln. Minhoff bringt dies selbst auf den Punkt. Die Auswirkungen der Lebensmittelproduktion müssen für die Konsumenten direkt in ihrer Lebenswelt erfahrbar werden. Sie müssen ihren direkten und anschaulichen Weg in den Alltag der Menschen finden, damit sie handlungsrelevant werden. Daraus leite ich zwei politische Forderungen ab.

  1. Radikale Transparenz für alle auch konventionelle Lebensmittel: Ähnlich wie bei den Verpackungen der Zigaretten oder der Kennzeichnung der Haltung bei Hühnereiern müssen die Konsequenzen der Lebensmittelproduktion direkt erfahrbar werden. Wer verdient wieviel innerhalb der Wertschöpfungskette vom Landwirt über den Verarbeiter bis zum Handel? Wie werden die Tiere gehalten? Was für Mittel werden bei der Pflanzenproduktion eingesetzt (Pestizide, Herbizide). Wird, egal in welchem Produktionsschritt, Gentechnik eingesetzt (inklusive Gene Editing)? In jedem Moment des Kaufens und Konsumierens muss dies bewußt werden können, ohne dass ich ein Smartphone zücken und im Internet recherchieren muss.
  2. Solidarität und gute Lebensmittel für alle: Transparenz ermöglicht eine verantwortungsvolle Entscheidung. Aber was ist, wenn ich mir das nicht leisten kann? Viele mögen es sich leisten können und trotzdem konventionelle Lebensmittel kaufen. Aber es gibt einen Teil der Bevölkerung, für die der Kauf von Bio/Fair Produkten extrem schmerzhaft ist und massive Einschränkungen an sozialer und kultureller Teilhabe aber auch an Selbstverwirklichung bedeutet (wenn sie keine foodies sind). Mit welchem Instrument dies zu erreichen ist, kann ich an dieser Stelle leider auch nicht beantworten.

Diese zwei Kernelemente sind sicher nicht alles aber entscheidender Teil einer Ernährungswende.

Literatur

Schütz, A. und Luckmann, T. (2003). Strukturen der Lebenswelt. UTB Verlag.

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6 Gedanken zu „Die Ernährungswende: Was sich wirklich ändern muss – radikale Transparenz und Solidarität

  1. Obgleich ich deine Ziele tendenziell teile, muss ich sagen, dass deine beiden Forderungen eher schwach sind. Transparenz scheitert an zwei Punkten: erstens passt so viel Information, wie du forderst (und wie wohl sinnvoll wäre), nicht auf eine typische Verpackung – und selbst wenn sie drauf passt, ist es so viel, dass das kaum jemand lesen würde. Die Alternative wäre, die Information irgendwie zu aggregieren (Siegel machen genau das, wenn auch bisher nur beschränkt), das wäre aber zwangsläufig arbiträr (weil man viel heterogene Information zusammenfassen müsste) und würde zu einem Informationsverlust führen. Zweitens, und das halte ich für das wesentlich größere Problem als die Praktikabilität der Informationsvermittlung: es ist meines Wissens eine recht gefestigte Erkenntnis der entsprechenden psychologischen Forschung, dass Information/Wissen sich nicht wirklich im Handeln niederschlägt. Die paar Leute, für die das Wissen, von dem du sprichst, Handlungsrelevanz hat, besorgen es sich bereits auf anderen Wegen (es wäre höchstens etwas bequemer für sie bzw. uns). Die meisten anderen würden es mehr oder minder ignorieren.

    Bei der Solidaritäts-Forderung gibst du selbst zu, dass du nicht weißt, wie sie konkret umzusetzen sei. Ich will nicht zu hart klingen, aber damit ist sie nichts weiter als eine Worthülse bzw. Wunschdenken. Natürlich ist Umverteilung in vielerlei Hinsicht wünschenswert, nicht nur im Kontext der Ernährung. Das macht sie aber nicht leichter umzusetzen. Da gibt es so viele Fragen, die vorher beantwortet werden müssten, angefangen damit, wie viel Umverteilung gerecht ist bzw. ab wann es einfach Enteignung bedeuten würde (Menschen zu Solidarität zwingen ist generell problematisch) bis hin zu der Frage nach den geeigneten Instrumenten.

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  2. Ich stimme zu, dass wir von Informationen überflutet werden, deshalb müsste eine es Vereinfachung der Informationen geben. Die „guten Nachrichten“ werden ja auch schon vereinfacht, eben in den Siegeln aber die schlechten Nachrichten finden sich nicht (z.B. auf den Verpackungen von Lebensmitteln). Konkrete Beispiele sind eben die Angabe der Haltungsbedingungen bei Hühnereiern und die Informationen auf Tabakwaren. Beide haben (zusammen mit anderen Maßnahmen) zu deutlichen Änderungen des Verhaltens der Verbraucher geführt.

    Die Solidaritätsforderung ist Wunschdenken aber manchmal muss man eben utopisch sein. Man kann nicht immer nur in pragmatischen Rahmenbedingungen denken. Würde man dies immer tun, gäbe es keine revolutionären technologischen Fortschritte, paradigmen-durchbrechende Erkenntnisse in der Wissenschaft oder wirklichen gesellschaftlichen Wandel. All das gibt es aber in der Menschheitsgeschichte und zwar weil Menschen sich von Utopien und Kreativität antreiben lassen. Man muss aber natürlich wissen in welchen Kontexten Raum ist für solche unpragmatischen Utopien.

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    • Das Problem an der Solidaritätsforderung ist weniger, dass sie utopisch ist (damit könnte ich leben;-)), sondern vielmehr, dass sie unkonkret ist. Eine unkonkrete Utopie bringt nicht viel. Eine konkrete kann tatsächlich ein Impuls zum Handeln sein. Aber „mehr Solidarität“ ist eben deswegen nicht wirklich inspirierend, weil es alles und nichts heißen kann.

      Bei Eiern stimme ich dir zu, da gab es eine Verhaltensänderung (wobei ich nicht sicher bin, ob der Wechsel der meisten von Käfighaltung zu Bodenhaltung wirklich groß zu feiern ist). Bei Tabakwaren…? Rauchen ist meines Wissens relativ stabil und wenn es abnimmt, dann eher wegen kultureller Änderungen (weil es unter Jugendlichen inzwischen weniger „cool“ ist als früher), nicht wegen der Angst vor Krankheiten. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich zu beiden keine systematischen Untersuchungen kenne (die gibt es bestimmt). Dafür habe ich von psychologischen Untersuchungen gehört (gerade im Umweltkontext), die zeigen, dass Wissen allein keine Verhaltensänderungen triggert. Siehe die Korrelation zwischen Umweltbewusstsein und ökologischem Fußabdruck in Deutschland (beides wird durch den Bildungsstand bedingt: höhere Bildung bedeutet zwar höheres Umweltbewusstsein, aber gleichzeitig höheres Einkommen und damit bspw. regelmäßige Flugreisen).

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      • Ja du hast recht das mit der Solidarität ist unkonkret. Das ist ein eine berechtigte Kritik. Dieser Punkt ist auch weniger ein analytischer als ein Ausdruck des Unwohlseins, dass sich eben bei mir einstellt, wenn ich die Preise vieler (vor allem verarbeiteter) Bio- und Fairprodukte sehe. Auch wenn dies aus ökonomischer Sicht vielleicht „reale“ Kosten sind im Vergleich zu konventionell produzierten Produkten.

        Zu der Lücke zwischen Wissen und Handeln: Ja die gibt es natürlich, das ist eine alte Feststellung der Psychologie/Soziologie. Der Mensch ist eben nicht nur rational. Ich denke aber, dass Hinweise auf Verpackungen, wenn sie konkret genug und prominent platziert sind eben nicht nur per se neues Wissen vermitteln sondern einem etwas im Alltag immer wieder ins Bewusstsein rücken, was man vielleicht im Prinzip weiß aber doch immer wieder verdrängt. Bei dem Kauf von Eiern wird man immer ziemlich stark mit einer Entscheidung konfrontiert, die man direkt mit dem Tierwohl verbinden kann. Das hat auch emotionale Komponenten. So wirken, denke ich, auch die Angaben zur Haltungsweise auf den Eiern. Das meine ich mit „radikaler Transparenz“.

        Dazu könnte man auch noch ergänzen, dass offensichtliche Lügen in der Werbung verboten werden sollten (Kühe auf der Weide, wenn es reine Stallhaltung ist und ähnliches). Ich denke, dass man an dieser Stelle politisch schon einiges bewegen könnte auch wenn man da mächtigen und knallharten Interessen gegenübersteht.

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  3. Das Unwohlsein kann ich gut nachvollziehen und möchte der Solidaritätsforderung nicht ihre Berechtigung absprechen. Ich wüsste auch zu gern, wie man das Problem konkret lösen kann…

    Ich denke aber, dass Hinweise auf Verpackungen, wenn sie konkret genug und prominent platziert sind eben nicht nur per se neues Wissen vermitteln sondern einem etwas im Alltag immer wieder ins Bewusstsein rücken, was man vielleicht im Prinzip weiß aber doch immer wieder verdrängt.

    Das ist ein Argument… Punkt für dich;-)

    Kühe auf der Weide, wenn es reine Stallhaltung ist und ähnliches

    Dieser Gedanke kam mir nie, aber obgleich ich kein Fan von Verboten bin (vielleicht, weil als Ökonom sozialisiert), sehe ich bei dieser Forderung durchaus eine Berechtigung. Dies kann man durchaus legitimerweise als Verbrauchertäuschung interpretieren. Wobei wir im Detail wahrscheinlich sehr bald auf das Problem der Grenzziehung stoßen würden – wo endet Verbrauchertäuschung (gerade bei der Gestaltung von Verpackungen), wo beginnt halbwegs legitime „Ästhetisierung“…?

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