Die Wertschöpfungskette von Lebensmitteln verbindet Konsumenten und Produzenten

Silk_Road_1992Foto oben: Die Seidenstraße, von fdecomite. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons.

In unserem superindustrialisierten Ernährungssystem ist die Verbindung zwischen Konsumenten und Produzenten oft sehr schwach. Einerseits bestehen Produkte aus unzähligen Zutaten und Zusätzen aus der ganzen Welt, so dass der Verbraucher nicht weiss, wer sie produziert hat und wie derjenige davon profitiert hat. Andererseits weiss der Produzent nicht wer seine Produkte konsumiert. Neben dieser Trennung durch räumliche Distanz und der Komplexität der Produkte ist ein weiteres trennendes Elemet von sozialer Natur. Oft liegen viele Handels- und Verarbeitungsglieder zwischen Produzenten und Konsumenten. Dies führt zu einer generellen Intransparenz. Wenn ein Brotaufstrich 3,40 Euro kostet, wieviel haben dann der Gemüseproduzent, der Verarbeiter und der (Zwischen-) Händler daran verdient? In unserem superindustrialisierten Ernährungssystem brauchen wir aber starke Verbindungen zwischen Konsumenten und Produzenten, um wirtschaftliche Ausbeutung und ökologische Schäden zu vermeiden.

Hierfür ist das Konzept der Wertschöpfungskette zentral. Ich bin auf dieses Konzept durch den Austausch mit einigen Leipzigern aufmerksam geworden, vor allem durch Patrice Wolger, den Inhaber von Leipspeis. Gute Anregungen kommen eben oft aus der Praxis.

Die unternehmensbezogene Wertschöpfungskette in der klassischen Betriebswirtschaft

Zuerst möchte ich aber einen Blick auf das klassische Verständnis der Wertschöpfungskette richten. Die klassische ökonomische Wertschöpfungskette, die von dem Ökonomen Michael Porter eingeführt wurde, hat primär Prozesse innerhalb eines Unternehmens im Blick. Hier werden die wertschaffenden Aktivitäten, z.B. eines Lebensmittelverarbeiters in den Blick genommen. Dazu gehört die Eingangslogistik (Beschaffung des Gemüses) die Verarbeitung (Herstellen eines Brotaufstriches), Marketing (z.B. Website) sowie Vertrieb und Ausgangslogistik (Auslieferung in verschiedene Läden). Die Betrachtung der Wertschöpfungskette dient hier primär der Analyse der Unternehmensstrukturen im Vergleich mit der Konkurrenz, um die Konkurrenzfähigkeit des eigenen Unternehmens strategisch zu erhöhen. Stellt sich z.B. heraus, dass die eigene Logistik nur einen kleinen Teil zur Wertschöpfung beiträgt aber hohe Kosten erzeugt und bestimmte Logistikanbieter dies für weniger Geld machen, kann man diesen Teil der Wertschöpfungskette aus dem Unternehmen ausgliedern und sich auf andere Teile der Wertschöpfungskette konzentrieren.

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Abbildung links: Die „Porter Wertschöpfungskette“, erstellt von Dinesh Pratap Singh. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Commons

 

 

 

 

Die Wertschöpfungskette als mächtige Metapher

An diesem betriebswirtschaftlichen Verständnis der Wertschöpfungskette ist technisch nichts auszusetzen. Allerdings denke ich, dass das Konzept der Wertschöpfungskette auch ein exzellentes Modell für Wirtschaft ist, wenn man über einzelne Unternehmen und Konkurrenzoptimiereung hinausdenkt.

Hierfür ist es wichtig sich bewusst zu sein, wie menschliches Denken funktioniert. Nach Lakoff und Johnson (2003) denken Menschen in Metaphern und dies beeinflusst auch ihr Handeln. Metaphern sind also weit mehr als Stilmittel; unsere Denkprozesse sind nur durch Metaphern möglich. Sie erlauben es uns komplexe und abstrakte Phänomene durch Rückgriff auf uns konkret Erfahrbares und uns gut Bekanntes zu verstehen. Die abstrakte Welt der Wirtschaftssprache ist voll von Metaphern. Ein Beispiel ist die sogenannte „Mietpreisbremse“, die „Konjunkturflaute“ und eben auch die „Wertschöpfungskette“. Hier wird der abstrakte Wertschöpfungsprozess in einem Unternehmen als die uns physisch direkt erfahrbare Kette verstanden. Dementsprechend werden die Eigenschaften der physischen Kette auf den betrachteten wirtschaftlichen Sachverhalt (hier das Unternehmen) übertragen. Mein Ziel ist es nun den Fokus der mächtigen Metapher der Wertschöpfungskette vom einzelnen Unternehmen auf die Beziehung mehrere Unternehmen und von Produzenten und Konsumenten zu verschieben.

Die Wertschöpfungskette als Verbindung zwischen Produzenten und Konsumenten

Ich plädiere nun, im Sinne von Patrice, für eine Wertschöpfungskette, die sich nicht auf einzelne Unternehmen bezieht sondern auf den Zusammenhang aller Wertschöpfungsaktivitäten vom Produzenten des Rohstoffes bis zum finalen Vertrieb und auch einschließlich des Konsumenten. Denn auch der Konsument trägt zur Wertschöpfung bei, durch seine Wertschätzung und den Akt des bewussten Kaufens.

Dieses Konzept der Wertschöpfungskette betont das Verbindende und das Aufeinander-Angewiesen-Sein von Handels- und Wirtschaftspartnern und letztlich auch von Produzenten und Konsumenten. Kein Teil der Kette kann auf den anderen verzichten oder diesen ausbeuten, da dies langfristig zum Bruch der Kette führen würde. Alle Mitglieder der Wertschöpfungskette sollten deshalb kooperieren und auf eine gerechte Verteilung der Wertschöpfung achten. Da unsere Konzepte von Wirtschaft durchzogen sind von Vorstellungen von Konkurrenz und Kampf (und sich dies in entsprechenden Konzepten und Metaphern ausdrückt) ist dies ein wichtiges Gegenmodell.

Wenn die Wertschöpfungskette als zentrales Element einer nachhaltigen Lebensmittelwirtschaft erkannt ist, müssen wir uns ihrer Stärkung zuwenden. Einerseits kann dies durch unmittelbare soziale Interaktion von Konsument und Produzent gelingen, wie in der solidarischen Landwirtschaft. Hier hat die Wertschöpfungskette nur zwei Glieder. Eine weitere Möglichkeit sind kurze regionale Wertschöpfungsketten oder Direkthandel mit anderen Weltregionen. Eine weitere Möglichkeit ist die volle Transparenz entlang der Wertschöpfungskette und Informationen darüber, wer wie viel an einem Produkt verdient. Dies sollte nicht in komplexen technischen Dokumenten versteckt, sondern direkt für den Verbraucher ersichtlich sein.

Wie bei allen Metaphern ist natürlich auch bei der Wertschöpfungskette eine gewisse Vorsicht geboten. Metaphern sind mächtige Denkwerkzeuge und schaffen uns einen tollen Zugang zu abstrakten Sachverhalten. Aber gleichzeitig hinken Metaphern immer auch ein bisschen. Zum Beispiel darf der einzelne Unternehmer niemals nur die gesamte Wertschöpfungskette im Auge haben, sondern muss auch auf seine eigene Wirtschaftlichkeit achten.

Trotzdem ist ein neues Verständnis der Wertschöpfungskette als verbindendes Glied zwischen Konsumenten und Produzenten ein zentrales Element für die Reform unseres superindustrialisierten Ernährungssystem.

Literatur

Lakoff, G., M. Johnson. 2003. Metaphors we live by. Volume 111. Chicago London.

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Ein Gedanke zu „Die Wertschöpfungskette von Lebensmitteln verbindet Konsumenten und Produzenten

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