Eine Markthalle für Leipzig: Vielfalt, Regionalität und Gemeinwohl

Markthalle_Leipzig_um_1900Die alte Markthalle in Leipzig um 1900. Foto von Hermann Walter,  lizensiert über Wikimedia Commons.


Ökonomen sprechen oft von „Marktgesetzen„: Nachfrage und Angebot bestimmen die Preisbildung und Ressourcenallokation/Investitionen erfolgen nach Effizienzkriterien. Aber bei Märkten handelt es sich nicht um natürlich gegebene Systeme, die strikten Naturgesetzten folgen. Märkte sind menschlich geschaffene Institutionen. Allerdings können diese eine derartig starke und von Einzelnen unbeeinflussbare Wirkung entfalten, dass sie wie Naturkatastrophen über einen hereinbrechen und Zwänge auf Menschen ausüben. Wir Menschen schaffen Institutionen (Märkte), die wiederum auf uns rückwirken und so Teil unserer selbst geschaffenen Wirklichkeit werden. Genau das ist gemeint, wenn Berger und Luckmann (1966) von der „Konstruktion von Wirklichkeit“ sprechen. Im wissenschaftstheoretischen Jargon spricht man auch von einer sogenannten Abwärtsverursachung.

Ich ganz persönlich denke, Märkte und Handel sind ein essentieller Bestandteil sozial differenzierter und arbeitsteiliger, kulturell diverser und freier Gesellschaften.  Alternativen zu Märkten sind Selbstversorgertum (Subsistenz), provinzielle Beschränkung und staatliche Kontrolle. Diese mögen einen gewissen Teil zu einer lebenswerten Gesellschaft beitragen; in einer Gesellschaft ohne Märkte möchte ich aber nicht leben.

Märkte lassen sich gestalten und können mehr als wirtschaftliche Funktionen erfüllen

Märkte lassen sich allerdings in vielfältiger Weise gestalten. Gestaltung von Märkten bedeutet Gestaltung von Gesellschaft. Märkte lassen sich nicht nur nach ökonomischen Prinzipien gestalten sondern auch nach sozialen, ökologischen und kulturellen Prinzipien. Märkte können mehr als nur ökonomische Funktionen erfüllen. Allerdings scheint dies ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein.

Als Paradebeispiel der Gestaltung „moderner“, weitgehend monofunktionaler Märkte kann man die heutigen Einkaufszentren betrachten. Einkaufszentren sind Märkte, die in ihrer Gestaltung im Wesentlichen auf ihre ökonomische Funktion reduziert werden. Sie sind optimiert auf maximalen Konsum und Produktabsatz. Wenn andere Funktionen verwirklicht sind, dann nur um die ökonomische Funktion zu bedienen. Dies liegt daran, dass viele Einkaufszentren durch privatwirtschaftliche Unternehmen betrieben werden. Diese Märkte sind eigentlich keine Märkte im ursprünglichen Sinne, es sind Unternehmen. Sie sind keine wirklich öffentlichen Räume. Politik, Kultur und sozialer Austausch sind nur zugelassen, wenn sie sich der ökonomischen Funktion unterordnen. Die primär privaten Interessen dieser Märkte zeigen sich plastisch auch in den Sicherheitsdiensten, die die Polizei auf diesen Märkten ersetzen, um statt gesellschaftlicher private Interessen durchzusetzen.

Markthalle Livorno 2Kürzlich war ich auf einer Mittelmeerreise und habe Markthallen in Livorno, Barcelona und Mallorca besucht.  Diese Reise hat mich dazu inspiriert diesen Artikel zu schreiben. Die Markthalle von Livorno ist wunderschön und relativ entspannt (Foto links). Die Markthalle in Barcelona ist extrem bunt, wuselig und auch ein wenig anstrengend. Mallorcas Markthalle beherbergt normale Einzelhandelsläden ebenso wie einen großen Fischmarkt. Wie wäre es, wenn es so etwas auch (wieder) in Leipzig gäbe? Am Ende des Artikels findet ihr eine Bildergalerie mit Fotos von allen drei Markthallen, die ich dort geschossen habe.

Die Chance in Leipzig: eine multifunktionale und gemeinwohlorientierte Markthalle

Gerade in Leipzig bietet sich jetzt die Gelegenheit einen Markt mal anders zu gestalten. Seit längerem wird darüber diskutiert, an dem Ort an dem früher die alte Leipziger Markthalle stand, eine neue Markthalle zu bauen. Die alte Markthalle stand früher auf dem Wilhelm-Leuschner Platz, der zur Zeit mehr oder weniger brach liegt und sich am südlichen Rand der Innenstadt befindet. Hier bietet sich die Gelegenheit Leipzig wirklich zu bereichern und zwar nicht nur durch die Errichtung eines neuen Einkaufszentrums im Gewand einer klassischen Markthalle sondern einen wirklich multifunktionalen Markt zu schaffen, der neben ökonomischen auch kulturelle und soziale Funktionen erfüllt.

Eine Stadt wie Leipzig, die in einer langen Handelstradition steht, sich mit großen Konferenzen zu alternativen Wirtschaftsformen wie der Degrowth schmückt und sich als fairtrade Hauptstadt beworben hat, stände ein wahrhaft multifunktionaler Markt gut zu Gesicht. Ein weiteres Einkaufszentrum, das sich auf rein kommerzielle Funktionen beschränkt, brauchen wir nicht in Leipzig.

Ein moderner multifunktionaler Markt sollte einen Raum schaffen für regionale Händler und Produzenten, um regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Ein solcher Markt kann nicht nur die Situation für bestehende regionale Produkte, Händler und Produzenten verbessern sondern auch Anreiz sein neue und innovative regionale Produkte zu kreieren. Über eine längere Zeit hinweg könnte sich eine spannende Palette von Produkten entwickeln, die Leipzig einzigartig machen. Durch eine Stärkung des regionalen Handels wird der Entfremdung der Konsumenten von den sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen entgegengewirkt und so ein verantwortungsvoller Konsum gefördert. Der Markt könnte auch ein Forum sein für andere Regionen, denen sich Leipzig verbunden fühlt, um dem gleichmachenden Kommerz globaler Märkte einen interregionalen und interkulturellen Austausch entgegen zu setzen.

Zudem wäre es wünschenswert den Markt zu öffnen für kulturelle, soziale und politische Veranstaltungen, die sich dem Handel, Lebensmitteln und dem Handwerk widmen. Die Markthalle kann so explizit auf das Gemeinwohl der Leipziger Bevölkerung ausgerichtet werden. Diese Orientierung müsste sich auch in der formalen Organisationsform widerspiegeln. Rein wirtschaftsorientierte Organisationsformen würden zu einem monofunktionalen Markt führen.  Mögliche Optionen für eine gemeinwohlorientierte Organisationsform währen z.B. eine Genossenschaft oder eine gemeinnützige GmbH (gGmbH), eventuell gekoppelt mit einem Verein. Heutige Großhandelsketten spielen die Produzenten und Konsumenten gegeneinander aus. An einer Genossenschaft könnten sich sowohl Konsumenten als auch Produzenten und Händler beteiligen und gemeinsame Ziele verfolgen. Ein derart gestalteter Markt könnte Modellcharakter haben für eine Gestaltung von Wirtschaft, die an dem Wohl der Menschen ausgerichtet ist und damit einige Ziele der sogenannten Postwachstumsgesellschaft umsetzen.

Ein hochinteressantes Beispiel für eine multifunktionales Marktkonzept ist übrigens die Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg, die ich im letzten Jahr beim Stadt Land Food Festival besucht habe. Hier gibt es Wochenmärkte, Spezialmärkte (z.B. zum Thema Käse) und politisch-gesellschaftliche Veranstaltungen. Im Keller der Markthalle braut Herr Heidenpeters ein verdammt leckeres Bier, das direkt in die Zapfhähne in der Markthalle fließt. Im Kreuzberger Kiez gibt es über die Markthalle Neun allerdings auch durchaus kontroverse Ansichten. Trotzdem es lohnt sich definitiv hier mal vorbeizuschauen!

Literatur

Berger, P. L. and T. Luckmann (1966). The social construction of reality: A treatise in the sociology of knowledge, Open Road.

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