Gegenläufige Trends: rasender technischer Fortschritt und die do-it-yourself Kultur

Gegentrends_klOben links seht ihr, wie die Leipziger Winterbohne im Querbeet kultiviert wird, um Saatgut zu gewinnen. Rechts sieht man eine industrielle Tomatenproduktion auf Steinwolle (Foto von Goldlocki, Wikipedia. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons)


Zur Zeit nehme ich zwei gegenläufige Trends wahr. Und zwar sowohl in meinem eigenen Leben als auch in der Gesellschaft in der ich lebe, in Europa, Deutschland, Leipzig und meinem Kiez. Einerseits gibt es einen rasenden technischen Fortschritt. Diese Technik schafft uns riesige Möglichkeiten: Wir können alle (zumindest was das Technische angeht) youtube-stars werden (ich kenn da jemanden, der es geschafft hat), uns von unserem Schreibtisch die exotischste Fachliteratur bei Amazon bestellen (das mache ich sehr oft) oder uns ganze Genome von Affen, ausgestorbenen Mammuts oder Menschen aus dem Internet herunterladen (habe ich gestern gemacht, von der NCBI Genbank).

Andererseits kann man die benutzte Technik nur noch in geringen Ausmaß verstehen oder sogar selbst produzieren, modifizieren oder reparieren. Es ist ein hochspezialisiertes Wissen sowie oft weitere teure Hilfstechnologien notwendig, um im Bereich einer bestimmten Technologie produktiv tätig zu sein und sie nicht nur zu konsumieren. Jeder einzelne, egal wie gebildet oder begabt er auch ist, kann nicht all die technischen Produkte durchschauen, die ein heutiger Durchschnittshaushalt (in Deutschland) konsumiert. Ich verstehe meinen eigenen Haushalt nicht mehr. Gleichzeitig bin ich von vielen anderen Menschen abhängig, wenn eine Technik nicht mehr funktioniert. Das ist entmündigend. Technik ist also ambivalent: sie ermöglicht viel und entmündigt zugleich.

Diese entmündigende Wirkung aber auch die durch Technologie erzeugte Entfremdung erklären Sinn und Motivation für einen gegenläufigen Trend:  einen Trend dahin, dass Menschen Dinge wieder selbst machen wollen, ohne großen technischen Aufwand sondern überwiegend in Handarbeit also handwerklich. Dazu gehört Gärtnern in Stadtgärten wie unserem Querbeet, das selber Brauen von Bier (mache ich und in Leipzig gibt es eine wachsende Hobbybrauer-Szene) oder selber Marmelade einkochen (habe ich noch nicht gemacht). Das wird heutzutage als do-it-yourself (DIY) Kultur bezeichnet.

Der Reiz an diesen Tätigkeiten liegt daran, dass das Einfache zu einem verborgenen Land geworden ist. Es hat etwas Unbekanntes, ja Romantisches, was der Erforschung wartet. Gleichzeitig kann man etwas machen, das unmittelbar die eigene Bedürfnisse befriedigt, wie Hunger und Durst oder der Wunsch nach sinnlichem Genuss (im Gegensatz zur hochspezialisierten professionellen Arbeit). Deshalb ist es sinnstiftend und es ist selbstermächtigend, da man eben alles selber macht.

IMG_4177Hier wird Bier handwerklich gebraut, im Garten der Initiative Querbeet. Gerade entsteht ein India Pale Ale mit einem herrlichen Hopfenaroma.


Menschen, die sich allerdings allzu sehr der DIY Kultur hingeben, laufen Gefahr sich gesellschaftlich zu isolieren. Sie bilden esoterische Grüppchen, die sich von der Außenwelt abgrenzen und oft das Gegenteil von dem sind, was sie vorgeben, nämlich weltoffen zu sein. Ein Beispiel dafür sind (für mich) die sogenannten Kommunen, die vorgeben gemeinschaftlich zu sein aber in Wirklichkeit geschlossene Gruppen sind. Diese Gruppen setzen sich auch nicht aktiv mit Technik auseinander sondern ignorieren sie schlicht und lehnen sie pauschal ab.

Das Nebeneinander von gegenläufigen und widersprüchlichen sozialen Entwicklungen ist spannenderweise eine wichtige Eigenschaft von Gesellschaften. So wird z.B. auch der Trend zur Globalisierung durch Tendenzen der Regionalisierung durchbrochen oder an diese gekoppelt, wie es im Begriff der „Glokalisierung“ zum Ausdruck kommt. Gesellschaft ist eben vielfältig und widersprüchlich.

Ich habe mich in der letzten Zeit relativ viel mit dem Selber-Machen auseinander gesetzt, wie dem Kochen, Gärtnern, Brauen oder der Gewinnung von Saatgut. Das werde ich auch weiterhin tun. Allerdings möchte ich mich auch wieder mehr mit dem beschäftigen, was gerade an der Spitze der technischen Entwicklung passiert. Das völlige Ignorieren und die totale Ablehnung von Technik will ich nicht. An diesem Zeitpunkt in meinem Leben möchte ich mich bewusst wieder mehr mit moderner Technologie auseinander setzen.

Da ich Biologe bin, möchte ich mich daher insbesondere mit moderner Gentechnik und Biotechnik beschäftigen. Gerade die Gentechnik befindet sich in einer rasanten Entwicklung, die es zunehmend erleichtert mit ganz einfachen Mitteln komplette Genome zu „editieren“ also nach Wunsch in sehr kurzer Zeit beliebig zu manipulieren. Mit diesem Thema werde ich mich in den kommenden Monaten auf meinem neuen Blog Biologie-Leipzig.de beschäftigen. Ich werde also versuchen in den Technologiesierungstrend einzutauchen ohne das Selber-Machen ganz auf zu geben. Mal sehen ob es klappt…

Advertisements

3 Gedanken zu „Gegenläufige Trends: rasender technischer Fortschritt und die do-it-yourself Kultur

  1. Pingback: Gegenläufige Trends: rasender technischer Fortschritt und die do-it-yourself Kultur | Querbeet Leipzig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s