Leipziger experimentieren auf der Suche nach weltbewussten und transparenten Lebensmitteln

photo by © sandrino donnhauser - Photographie & Bildgestaltung - Leipzig - sandrinodonnhauser.deAuf dem Foto seht ihr Links Christian Tihl und rechts Patrice Wolger. Foto von Sandrino Donnhauser – Photographie & Bildgestaltung – Leipzig


In den letzten Monaten habe ich eine Reihe spannender Leipziger getroffen, die hochmotiviert sind Lebensmittel zu produzieren und zu vertreiben, die besser sind als das, was man im Supermarkt um die Ecke bekommt. Sie geben sich nicht mit dem Status Quo zufrieden und auch nicht mit einem bloßen Rummeckern.  Sie nehmen die Sache selbst in die Hand. Und das finde ich sehr unterstützenswert. Aber ich finde es auch spannend und lehrreich, welche Ansätze sie entwickeln, um die Leipziger mit besseren Lebensmitteln zu versorgen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es ja schon ein etabliertes Biosystem bestehend aus Siegeln, Kontrollstellen, Produzenten und Bioläden sowie Biosupermärkten gibt. Kann man das noch verbessern?

Transparenz und Regionalität

Woher kommen eigentlich die Sonnenblumenkerne, die die Hauptzutat vieler Zwergenwiese Bio-Brotausftriche sind? Das steht nicht auf der Verpackung und wenn man direkt beim Produzenten nachfragt, muss man ganz schön energisch und penetrant sein, um eine Antwort zu kriegen. Sie kommen aus China. Patrice Wolger hatte genug von dieser Intransparenz aber auch dem Verschiffen von Zutaten um die halbe Welt.

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Hier seht ihr die Brotaufstriche von Patrice. Foto von sandrino donnhauser – Photographie & Bildgestaltung – Leipzig

Deshalb hat Patrice angefangen unter der Marke Leipspeis Brotaufstriche zu entwickeln, die Bio sind aber auch so weit wie möglich regional und transparent. Um die Regionalität zu gewährleisten hat er umfangreiche Recherchen durchgeführt und Kontakte zu lokalen Bauern und Gärtnereien aufgebaut. Er hat auch die Herausforderung angenommen, mit der Beschränkung des Regionalen kreativ umzugehen und spannende Produkte zu entwickeln ( die Brotaufstriche „Sanfter Weißkohl oder „Feine Rubinake“). Und einiges was man nicht in Sachsen vermutet (z.B. professionellen Chilianbau) hat er ausfindig gemacht. Seine Brotaufstriche kann man mittlerweile in einigen Bioläden in Leipzig bekommen.

Patrice möchte auch in Sachen Transparenz einen anderen Weg gehen als die etablierten Bio-Hersteller. Für jede Zutat macht er eine, wenn auch nur ungefähre, Herkunftsangabe (Zwiebeln aus dem „Leipziger Umland“, Tofu aus „Soja­boh­nen aus nie­der­säch­si­schem Landbau“). Für jedes Produkt zeigt Patrice, was noch nicht so gut läuft und was zu verbessern ist (Kümmel und Majoran kommen momentan aus Österreich, Ziel ist ein regionaler Bezug).

Regionen und Menschen Verbinden: Gutes Olivenöl aus Griechenland

Nach einer gewissen „Regionalpolizistenphase“, wie Patrice es selbst beschreibt, hat allerdings auch er eingesehen, dass die totale Beschränkung auf Regionalität nicht sinnvoll ist. Bestimmte Gemüse und Früchte, wie z.B. Oliven, lassen sich eben besser oder sogar ausschließlich woanders anbauen als im Leipziger Umland, Sachsen oder Mitteldeutschland. Das ist ökologisch sinnvoll. Es ist aber auch bereichernd für unsere Region, wenn wir wertvolle Lebensmittel aus anderen Regionen verarbeiten und genießen können. Gleichzeitig sind Agrargüter, wie Oliven eine wichtige ökonomische Grundlage bestimmter Regionen, z.B. in Griechenland. Wertvolle Produkte können Regionen ökonomisch und kulturell verbinden.

Hier springt dann Christian Tihl ein, der Olivenöl aus Griechenland vertreibt. Während Patrice innerhalb des Bio-Siegelsystems arbeitet, hält sich Christian konsequent aus dem Siegelsystem raus. Vor Ort in Griechenland hat er schon mitbekommen, wie schludrig mit den Biostandards umgegangen wird.

Deshalb fährt Christian selber nach Griechenland und hilft seinem Oliven-Gärtner Jannis bei der Ernte. Und er entwickelt mit ihm zusammen schrittweise ein besseres Produkt anstatt ihm ein durch Gesetze vorgegebenes System überzustülpen. Jannis hat ursprünglich einen großen Teil seiner Olivenernte an Großhändler verkauft und zwar ohne besonders viel Wert auf Qualität zu legen. Jetzt sorgen sie dafür, das die Oliven schnell nach der Ernte in die Presse kommen, um so die Oxidation der Oliven zu vermeiden und dadurch eine höhere Qualität zu gewährleisten. Christian ist auch viel daran gelegen Jannis einen fairen Preis zu zahlen. Ursprünglich hat dieser für 2,20 Euro pro Liter an Großhändler verkauft und momentan bekommt er von Christian 3,70. Das erklärte Ziel sind 4 Euro.

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Hier seht ihr Christian Tihl bei der Olivenernte. Wenn ihr auf das Bild klickt könnt ihr die verschiedenen Reifegrade der Oliven erkennen.

Christian möchte eine direktere Verbindung herstellen zwischen den Konsumenten und den Produzenten und so, wie Patrice es vielleicht sagen würde, „weltbewussteren“ Konsum zu fördern. Christian bietet z.B. zusammen mit Patrice Olivenölseminare an, in denen man erfährt, wie die Oliven kultiviert, geerntet und verarbeitet werden. Gleichzeitig kann man verschiedene Olivenöle verkosten, um seine Sinne für ein wertvolles Produkt zu schärfen (Foto unten).

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Oben: Christian Tihl berichtet aus seinen Erfahrungen auf dem Olivenhain und mit den Menschen, die dort arbeiten. Foto von © sandrino donnhauser – Photographie & Bildgestaltung

Dreist intransparente Werbestrategien der Konzerne

An dieser Stelle möchte ich kurz einbringen, was mich ganz persönlich stört bei den Lebensmitteln im Supermarkt. Das ist die unverfroren verlogene Werbung: während mir die meisten technischen Angaben auf den Etiketten reichen, da ich eh keine Zeit habe alles zu studieren, finde ich die Kühe auf der Wiese an der Wand hinter der Kauflandtheke in Reudnitz oder auf der Käse-Packung  dreist und verdammt unehrlich. Wie ist es möglich, das man mit Bildern derart krass lügen darf? Wieso ist das erlaubt? Wenn schon Tiere abgebildet werden, dann auch so wie sie wirklich gehalten werden. Das würde auch für die meisten Bioprodukte zu reichlich unromantischen Verpackungsbildern führen. Auf biologischen und konventionellem Käse müssten Edelstahlapparate statt Holzfässer und Mastbetriebe statt Wiesen abgebildet sein. Es würde uns auch vor einer gefährlichen Romantik bewahren, die davon ausgeht, dass gute Lebensmittel nur handwerklich hergestellt sein können.

Kauflandtheke

Oben: Die Fleisch und Käse-Theke im Kaufland in Reudnitz.

Ein kritischer Blick

Trotz ihres ehrgeizigen Einsatzes, guter Produkte und fundierter Kompetenz in Sachen Lebensmitteln kommt man natürlich nicht ganz drumherum einige Punkte kritisch zu beleuchten. Das eine ist der Preis. Patrice Brotaufstriche sind mit 3,50 Euro deutlich teurer als andere Bio-Brotaufstriche. Das heißt, dass wohl vorerst die meisten Menschen, die in meinem Kiez leben (Anger Crottendorf im Leipziger Osten) sich das nicht leisten können. Das Olivenöl von Christian hat verschiedene Preise in Abhängigkeit von der Kanister/Flaschengröße und es wird auch günstiger, wenn man vorbestellt. Die Preise reichen von 11,25 bis 15,75 Euro pro Liter. Das sind sicher angemessene Preise, aber hier im Osten von Leipzig würden die meisten wohl eher zum Discounter-Öl (bestenfalls die Bioversion) greifen. Konsequenterweise sind ihre Zielgruppen eher gut betuchte Leipziger oder „food-Nerds“, die ihr ganzes Geld für Lebensmittel ausgeben. Ist das schlecht? Nein, aber es ist eine Nischenstrategie. Eine breitere Zielgruppe zu erreichen wird sehr schwer.

Patrice website spielt sehr stark mit schönen Bildern, z.B. wie er Kräuter selbst im Sonnenaufgang pflückt. Das sieht gut aus, da wäre ich auch gerne. Es wirkt aber auch ganz schön professionell inszeniert. Ist das nicht das gleiche, was Kaufland macht? Kann man als Unternehmer auf so etwas verzichten? Das muss ich offen lassen.

Gemeinsam für weltbewusstere und transparente Lebensmittel in Leipzig

Ich denke es ist ganz wichtig, dass es Menschen gibt, die auch außerhalb etablierter Systeme und Institutionen nach neuen Lösungen suchen, um die Zwänge dieser Systeme zu umgehen. Um etwas aus der Nische zu kommen, wäre es sicher ein guter Ansatz die Kräfte verschiedener Händler und Produzenten mit ähnlichen Ansätzen zu bündeln. In der Veranstaltungsreihe „Leipzig is(s)t gut“ wird genau dies versucht. Sie findet diesen Herbst wieder im Social Impact Lab statt (Termin wird noch bekannt gegeben). Eine weitere mögliche Schnittstelle ist die wiederbelebte Regionalgruppe Leipzig-Halle von Slow food.

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3 Gedanken zu „Leipziger experimentieren auf der Suche nach weltbewussten und transparenten Lebensmitteln

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