Entfremdung: das kritische Ausmaß im Anthropozän

07Bethlehem_16_800 Johanna Timaeus, Bethlehem 16, 2011 100 cm x 100 cm, Öl auf Leinwand mit Colourprint


Die Kritik der Entfremdung in der industriellen Gesellschaft ist nicht neu und wird auch in derzeitigen Debatten immer wieder aufgegriffen. Meist wird Entfremdung als negativ eingestuft. Und sie wird als Spezifikum industriealisierter Gesellschaften betrachtet (Ritzer 2012, S. 53). Die Arbeiter in der industriellen Produktion werden von dem Sinn ihrer Arbeit und des Produktes aber auch der Nutzer des Produktes entfremdet. Weder die Arbeitstätigkeit noch das Produkt erfüllen die Bedürfnisse des Arbeiters. Der Sinn liegt für den Arbeiter in der Ermöglichung des Konsums durch den Lohn und der Akkumulation von Wohlstand und Macht der Kapitaleigner. Das hört sich nach klassischem Marxismus an und nichts könnte mich mehr langweilen.

Trotzdem ist das Phänomen der Entfremdung fundamental bedeutsam für unsere heutige Gesellschaft, die eine Gesellschaft ist, die den ganzen Planeten auf dem wir leben völlig umgestaltet. Das ist das Zeitalter des Anthropozäns. Ich folge hier Crutzen und Stoermer (2000), die den Beginn des Anthropozäns auf das Ende des 18. Jahrhunderts und damit parallel zur der beginnenden Industrialisierung der westlichen Welt legen. Auf kontroverse Debatten über den Beginn des Anthropozäns werde ich hier nicht weiter eingehen, das kann man hier nachlesen.

Ich denke Entfremdung ist keinesfalls per se schlecht. Entfremdung entsteht im Kern durch Arbeitsteilung und Technologie. Arbeitsteilung erzeugt Entfremdung dadurch, dass wir etwas tun, das das Bedürfnis anderer stillt. Technologie (oder Kulturtechnik) erzeugt Entfremdung durch einen indirekten Zugang zu der Welt (Schrift, Bücher, Internet). Wir müssen ein Gewisses Maß an Entfremdung aushalten nicht nur in der industriellen sondern in jeder arbeitsteiligen sowie sozial und kulturell differenzierten Gesellschaft. Entfremdung macht uns erst kulturfähig. Entfremdung erlaubt es uns mit Dingen zu beschäftigen, die jenseits unsere unmittelbaren Bedürfnisse stehen und zwar nicht nur in kurzen Momenten sondern in ausgedehnter Weise. Entfremdung ermöglich Kunst, Musik, Wissenschaft und Kulinarik.

Jedoch ist das Ausmaß der Entfremdung im fortgeschrittenen industriellen Zeitalter enorm und hat ein kritisches Ausmaß erreicht. Einerseits durch die enorme industrielle Differenzierung, Arbeitsteilung, Wissensakkumulation. Andererseits durch die hochgradig komplexen und wirkmächtigen technischen Instrumente, durch die wir die Welt vermittelt bekommen (digitale Medien und wissenschaftlich-analytische Instrumente) und diese in einer vermittelten Weise manipulieren (Kraftwerke, landwirtschaftliche Maschinen, Technologie zur Lebensmittelproduktion). Wir leben größtenteils in einer vermittelten, indirekten und damit entfremdeten Welt.

Wissensakkumulation und technischer Fortschritt ermöglichen uns prinzipiell einen zerstörerischen Umgang mit der Welt. Die extreme Entfremdung führt zu dem tatsächlichen Konsum und Produktionsverhalten, das zerstörerisch ist. Durch die Entfremdung ist uns die Zerstörung nicht unmittelbar gegenwärtig obwohl wir sie kognitiv erfassen können und sie uns medial vermittelt wird. Deswegen fällt sie uns so leicht und sie erzeugt das, was als Diskrepanz von Umweltbewusstsein und Umweltverhalten bezeichnet wird (Diekmann und Preisendörfer 2001, S. 114).

Im Bereich der Lebensmittel sind unter anderem die zerstörerische industrielle  Landwirtschaft und die Massentierhaltung zu nennen. Im Alltag herrscht eine generelle Rücksichtslosigkeit in Bezug auf Wohl von Tieren und Menschen in der Lebensmittelproduktion. Mitgefühl kann kurz durch mediale Vermittlung erzeugt werden, hat aber keine relevanten Konsequenzen für das Alltagshandeln der meisten Menschen. Ausnahmen sind Menschen, die bestimmte Lebensbereiche zu einem signifikanten Teil ihrer Identität machen, wie Veganer, Umweltschützer etc. Für die Mehrheit der Bevölkerung ist dies aber nicht der Fall. Dieses kritische Ausmaß der Entfremdung ist ein Charakteristikum des Anthropozäns.

Ein weiteres Problem ist, dass Entfremdung immer weiter Konsum und Produktion fördert. Sie ist ein Wachstumstreiber und die Wechselwirkung aus Industrialisierung und Entfremdung wirken wie eine positive Rückkoplung: Industrialisierung fördert Entfremdung fördert Konsum/Produktion fördert Industrialisierung fördert Entfremdung…

Also was ist zu tun? Die totale Rücknahme der Entfremdung ist kein vernünftiges Ziel. Ein romantischer „natürlicher Zustand“ ist nur was für Aussteiger, die sich zwar um ihr eigenes Leben aber nicht um die Gesellschaft kümmern. Wir brauchen aber wahrscheinlich eine gewisse Rücknahme der Entfremdung, wir brauchen eine direktere Welt mit mehr unmittelbarer Erfahrung der Konsequenzen unseres Tuns. Aber wie soll das gehen? Keine Ahnung… vielleicht mehr Sinnlichkeit, mehr vertraute Welt? Oder ist alles verloren? Sind wir jenseits des Tipping Points der Entfremdung?  Dies muss ich hier offen lassen, leider!

PS: Ihr fragt euch sicher warum das schöne blaue Bild am Anfang des Artikels steht. Ich finde es schön und könnte es mir bedenkenlos in mein Wohnzimmer als Schmuckstück hängen, aber es zeigt eigentlich etwas Schreckliches. Entfremdung als Stilmittel.

Literatur

Crutzen, P. J., E. F. Stoermer. 2000. The „Anthropocene“. In: Global Change Newsletter. Volume 41. The International Geosphere–Biosphere Programme. 17.

Diekmann, A., P. Preisendörfer. 2001. Umweltsoziologie – Eine Einführung. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.

Ritzer, G. 2012. Sociological theory. 8 edition. New York: McGraw-Hill Education.  

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6 Gedanken zu „Entfremdung: das kritische Ausmaß im Anthropozän

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  2. Du hast mir aus der Seele gesprochen. Viel zu wenige machen sich Gedanken oder tun etwas gegen die Zerstörung. Es ist fast wie zur Nazi-Zeit. Damals mußte man mit dem Leben zahlen, heute darf jeder seine Meinung äußern, zumindest noch, zumindest bei uns. Umso schlimmer. Johanna

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