Neues aus Brauküche und Garten: leckeres Stout, Leipziger Winterbohne, Hopfen und das Thema Entfremdung

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Links: Verkostung eines selbst gebrauten tiefschwarzen Stouts im Garten


Nach etwas längerer Pause komme ich endlich mal wieder zum Schreiben. Diesmal geht es ganz konkret um Garten und Brauküche, aber auch um das Thema Entfremdung.

Zuerst zum Praktischen. So langsam bekomme ich das mit dem Brauen in den Griff. Trinkfertig habe ich jetzt ein leckeres, aromatisches Stout. Kein Vergleich zum zwar leckeren aber auch etwas langweiligen Guinness aus dem Supermarkt. Eine Reihe von Spezialmalzen wie Hafermalz, geröstetes Schokoladenmalz sowie Karamellmalz und eine ordentliche Ladung Hopfen verleihen dem Bier ein kräftiges Aroma. Außerdem habe ich das Bier mit den Hopfensorten „Amarillo“ und „Spalter“ kaltgehopft. Durch die Kalthopfung bekommt man insbesondere die flüchtigen Aromastoffe und nicht nur die Bitterstoffe des Hopfens in das Bier.  Neben dem guten Geschmack ist nun auch die richtige Menge Kohlensäure drin. Das Bier ist schön spritzig, verhält sich aber zivilisiert, wenn man es öffnet und fliegt einem nicht um die Ohren. Jetzt kann ich also mein eigenes Bier im Garten genießen und dem Hopfen beim Wachsen zuschauen.

Der Hopfen, den ich im März in den Gärten der Initiative Querbeet gepflanzt hatte, hat allerdings mit allerlei Schädlingen zu kämpfen. Es kräucht und fleucht wie wild auf den Hopfenpflanzen. Eine wahre Vielfalt von „Schädlingen“, von denen ich nur die Blattläuse beim Namen kenne. Allerdings haben sich jetzt auch Massen von Marienkäfer-Larven auf dem Hopfen niedergelassen und verspeisen die Blattläuse. Ich habe mich jetzt entschlossen mal keine Gegenmaßnahmen zu ergreifen und einfach zu schauen ob es der Hopfen schafft.

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Hier wächst der Hopfen am Zaun der Initiative Querbeet.


Die Leipziger Winterbohne, eine regionale Sorte Dicker Bohnen, wurde ebenfalls von  Läusen heimgesucht, allerdings so massiv, das es mich mich ziemlich beunruhigt hat. Ich habe eine verdünnte Lauge gespritzt und alles hat sich halbwegs eingependelt. Sie tragen jetzt sogar die Ersten Bohnen. Auch hier findet man jetzt eine Reihe von Marienkäfern. Die Pflanzen wachsen deutlich unterschiedlich. Einige sind groß und kräftig andere eher ziemlich mickrig; einige wachsen verzweigt und andere sind einstämmig. Ich werde von den besten Pflanzen Saatgut nehmen und die anderen Bohnen in der Küche verarbeiten.

Sorgen macht mir das trockene Wetter, da wir in einem Garten nur über Dächer Regenwasser sammeln. Noch nie habe ich mich so über Regen gefreut. Für den Städter ist Regen in der Regel etwas Schlechtes, es stört einfach beim Flanieren, Shoppen und Zur-Arbeit-Gehen. Als Gärtner freut man sich für seine Pflanzen.

Da Chili und Paprika Gemüse des Jahres sind, haben wir ein extra Chili-Beet angelegt, um die Chilivielfalt zu zeigen. Einige Chilis und Paprika tragen sogar schon Früchte, obwohl mir die Pflanzen etwas klein erscheinen, wahrscheinlich aufgrund des kalten Mais. Außerdem wachsen bei uns im Garten unter anderem Mangold, Scherkohl, Rosenkohl, eine Mais-Bohnen-Mischkultur, dutzende Tomatensorten, Salat, Kürbis, Zucchini, Kohlrabi und Kürbis.

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Prächtiger Kohlrabi streckt seine Blätter in die Höhe


Neben den konkreten Aktivitäten mache ich mir immer wieder Gedanken über das Thema Entfremdung von unserer Lebensmittelproduktion. In bestimmten Kreisen (in denen auch ich mich bewege) wird dies als fundamentales Problem unseres industrialisierten Ernährungssystems angesehen. Und ich denke, da ist auch einiges dran. Das Ausmaß der Entfremdung ist bedenklich und fördert den verantwortungslosen Konsum ebenso wie eine verantwortungslose Produktion von Lebensmitteln.

Ein weiterer Aspekt ist der Sinn unseres Handelns. Warum mache ich eigentlich das was ich mache, insbesondere in Bezug auf professionelle Tätigkeiten. Ich habe mich als Forscher an einem Leipziger Institut immer wieder gefragt warum ich eigentlich immer weiter forschen muss, wenn doch schon so unglaublich viel Wissen vorhanden ist. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl immer weniger Sinnvolles tun zu können, was also die Bedürfnisse von mir und meinen Mitmenschen erfüllt. Wissenschaftliche Artikel kann ich nicht essen und helfen mir auch sonst nicht bei praktischen Tätigkeiten (allenfalls kann man sie ausgedruckt als Mulch im Garten verwenden). Ich muss mir alles von dem Geld kaufen, das ich als Wissenschaftler verdiene und habe keine Zeit und Fähigkeiten mich selbst zu versorgen.

Gleichzeitig denke ich aber, dass ein gewisses Maß an Industrialisierung, Arbeitsteilung und damit auch Entfremdung notwendig aber auch wünschenswert ist. Ein gewisses Maß an Industrialisierung und Entfremdung sind notwendig, weil vor allem die großen Stadtbevölkerungen sich kaum ausschließlich über Selbstversorgung in Gemeinschaftsgärten, Kleingärten oder eine vollkommen deindustrielisierte Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung versorgen lassen.

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Von links nach rechts: hier wächst Grünkohl, Mangold, Scherkohl und Tomaten


Ein gewisses Maß an Industrialisierung, Arbeitsteilung, technischer Fortschritt und damit Entfremdung macht uns überhaupt auch erst kulturfähig. Damit wir uns mit etwas anderem als unseren fundamentalen Grundbedürfnissen auseinandersetzen können, müssen wir uns von unmittelbar pragmatischen Zwängen befreien und zwar mittels Kulturtechniken. Unter Kulturtechniken verstehe ich ein System aus praktischen Fähigkeiten, Wissen und Organisationsformen von Gesellschaft. Kulturtechniken werden über Generationen entwickelt und weitergegeben. Sie ermöglichen es uns auf dem aufzubauen, was Generationen vor uns geleistet haben, z.B. die Domestikation und Züchtung von Kulturpflanzen, Methoden des Gärtnerns aber auch Techniken zur Lebensmittelherstellung, wie die Fermentation von Bier und Käse oder Brotteig. Allerdings scheinen Kulturtechniken eben auch problematisch zu sein, wenn der technische Fortschritt uns Werkzeuge an die Hand gibt, die unsere eigene Lebensgrundlage gefährden und uns gleichzeitig von diesen entfremden, so dass wir nicht merken wie problematisch unser Handeln eigentlich ist. Kulturtechniken befreien und kultivieren den Menschen also, aber sie entmündigen ihn auch durch Entfremdung. Wir verwickeln uns gewissermaßen in den Kulturtechniken und in ein immer weiteres Streben nach technischem Fortschritt und technischen Lösungen.

Ein Ausweg wäre das richtige Maß an Entfremdung, aber welches das sein soll ist mir auch noch reichlich schleierhaft. Vielleicht stoße ich  ja noch auf brauchbare Antworten. Eine gewisse Systematisierung der hier niedergeschriebenen Gedanken könnte auch helfen, das ist alles sehr aus dem Bauch geschrieben. Vielleicht sollte ich dann doch mal wieder einen wissenschaftlichen Artikel „zusammenbrauen“, mal sehen ;).

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2 Gedanken zu „Neues aus Brauküche und Garten: leckeres Stout, Leipziger Winterbohne, Hopfen und das Thema Entfremdung

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