Von der Buchmesse Leipzig: Umkämpftes Essen – Woher kommen unsere Lebensmittel?

IMG_1575 Lange habe ich im gigantischen Programm der Leipziger Buchmesse gesucht und dann endlich etwas gefunden, das mich wirklich interessiert. Am Stand der Universität Leipzig gab es am Sonntag eine Diskussionsrunde unter dem Titel „Umkämpftes Essen – Woher kommen unsere Lebensmittel?“ Also habe ich flugs Kamera und Notizblock eingepackt und mich ins bunte Gewusel der Buchmesse gestürzt.

Andreas Grünewald, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den Linken, hat in seiner Dissertation die Entwicklung des Biolandbaus in Österreich erforscht. Österreich gilt als Vorreiter in Sachen Biolandbau mit einem Anteil von 17% an Landwirtschaftlichen Betrieben, die biologisch wirtschaften. Am Anfang der Branchenentwicklung sei es ein Ziel der Biobauern gewesen einen Systemwandel herbeizuführen und das industrielle Ernährungssystem durch ein alternatives, biologisches System, zu ergänzen oder sogar abzulösen. Jedoch, so Grunewald, muss dieses Ziel heute als gescheitert gelten. Die Standardisierung im Biolandbau mit dem System aus Biokriterien, Kontrollstellen und Biolabeln habe dazu geführt, dass der Biolandbau selbst industrialisiert wurde. Heute sei in Österreich der Biobauer im Schnitt größer und stärker spezialisiert als konventionelle Bauern, um die Anforderungen des standardisierten Biomarktes zu erfüllen. Dadurch gingen essentielle Teile dessen, was eigentlich die Ursprungsidee von Bio war, verloren: ein Denken in lokalen Kreisläufen und ein Anpassen der Bewirtschaftungsweise an die lokalen ökologischen Gegebenheiten einzelner Betriebe. Auch würden Biobauern zunehmend nur noch zu „Qualitätsmanagern“ extern vorgegebener Kriterien anstatt ihre eigenen Ideen und Konzepte umzusetzen. Verstärkt würde dies durch eine Machtakkumulation bei den Supermarktketten und ihren Einfluss auf die Bio-Standards. Deshalb, so Grunewald, unterliege jeder, der glaube durch den Einkauf von Bioprodukten die Welt zu verbessern, einem Irrtum.

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Sarah Ruth Sippel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for Area Studies in Leipzig, hat sich in ihrer Forschungsarbeit mit der Globalisierung des Handels bei der Tomate auseinandergesetzt. Die Tomate ist ein lukratives Produkt („rotes Gold“), ist sie doch das absolute Lieblingsgemüse der Deutschen mit einem Gesamtjahreskonsum in Deutschland von 1,69 Millionen Tonnen im Wirtschaftsjahr 2012/13. Dieser Bedarf kann nicht annähernd durch den Anbau im Inland gedeckt werden, so dass ein Großteil der von uns konsumierten Tomaten im Sommer aus Spanien, Italien und Holland importiert wird. Um unseren Hunger nach frischen Tomaten auch im Winter zu stillen, werden Massen an Tomaten aus Marokko importiert (36 000 Tonnen pro Jahr). Während einige Akteure in Marokko davon profitieren und den Export weiter ausbauen möchten, wird unser Lieblingsgemüse gleichzeitig zur „Besatzungstomate“. Unser Tomatenkonsum führt zu einer starken Fremdbestimmung der Landwirtschaft anstatt den Bedarf der eigenen Bevölkerung zu berücksichtigen. Frau Sippel machte auch nochmal explizit auf einen Mangel an demokratischer Mitbestimmung der Zivilgesellschaft an unserem Ernährungssystem aufmerksam, das stark von globalen Unternehmen bestimmt werde.

Mir persönlich hat das Beispiel unseres Tomatenkonsums noch einmal die enorme Entkopplung unserer Ernährung von der natürlichen Dynamik unsere Ökosysteme, hier der Saisonalität, vor Augen geführt. In diesem Fall ist es die Transporttechnologie angetrieben durch fossile Brennstoffe. Ein sinnvoller und nachhaltiger Einsatz von Technologie für unsere Ernährung sollte die natürliche Dynamik unserer Ökosysteme berücksichtigen und nicht technologisch glattbügeln. Meiner Meinung nach müssen wir deshalb weg von dem Konzept der Technologie hin zur Kulturtechnik für gute Lebensmittel, in der Technik mit der Dynamik natürlicher Systeme verschränkt wird.

Cornelia Reiher, von der Freien Universität Berlin, hat das Ernährungssystem in Japan und seine Einbettung in globale Zusammenhänge erforscht. Auf der einen Seite zeigen sich spannende Alternativen zu langen Warenketten, Standards und Labeln. In großen Konsumgenossenschaften organisierte Verbraucher  beziehen hier Lebensmittel direkt von den produzierenden Bauern. Gleichzeitig macht die Wissenschaftlerin aufmerksam auf die mangelnde Transparenz der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen Japan und den USA, das sie als „black box“ bezeichnet, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Insbesondere Lebensmittelstandards seien hier wichtige Diskussionspunkte.

Wer sich mehr mit dem Thema beschäftigen möchte, kann sich den kürzlich erschienen Sammelband mit dem Titel Umkämpftes Essen – Produktion, Handel und Konsum von Lebensmitteln in globalen Kontexten zu Gemüte führen. Einige Kapitel stehen schon auf meiner Leseliste.

Reiher, C., S. R. Sippel.  Umkämpftes Essen – Produktion, Handel und Konsum von Lebensmitteln in globalen Kontexten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Die Verlagsseite mit Inhaltsverzeichnis findet ihr hier. IMG_1579

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