Veganismus: vom kulinarischen Widerstand zum Konsum-Veganismus?

Unbenannt

Der Trend zum Veganismus ist unübersehbar. Es gibt eine Unmenge von Spezial-Zeitschiften, Kochbüchern, Restaurants, Fertigprodukten und Spezialläden. Für Leipzig seien hier mal stellvertretend das bio-vegane Restaurant Symbiose, der vegane Supermarkt Veganz und der vegane Weihnachtsmarkt genannt. Der Vegetarier Bund Deutschlands schätzt die Zahl der deutschen Veganer auf 900.000. Auch in meinem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis (der natürlich nicht repräsentativ ist) gibt es eine vegane „Schwemme“. Ich selbst habe einiges an veganen Rezepten ausprobiert.

Veganismus ist kein Protest auf den Straßen und auch keine Politik durch Gesetze. Der Veganismus ist eine alltagsorientierte Gegenbewegung, die beim Einkaufen, Schnippeln, Kochen und Essen praktiziert wird. Und der Alltag der Menschen ist es, der letzten Endes wirklich zählt und nicht Gesetzestexte oder verpuffende Protestbewegungen (Meadows et al. 1972). Veganismus ist ein kulinarischer Widerstand gegen den massiven Fleischkonsum, die industrielle lebensverachtende Fleischerzeugung und ihre Folgen für menschliche Gesundheit, Umwelt und Tierwohl. Den fundamentalen Zusammenhang von Ernährung mit Gesundheit und Umwelt unterstrich eine jüngst erschienene Studie in dem Fachblatt Nature (Tilman und Clark 2014). Gerade deshalb bieten Lebensmittel und Ernährung aber auch die Chance mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Veganismus ist eine Alltagskultur um dieses Ziel zu verfolgen.

Es gibt noch weitere Argumente für den Veganismus: Menschen setzten sich wieder mehr mit Lebensmitteln auseinander vor allem wenn sie diese selber machen und ausprobieren, weil es an fertigen Produkten im Laden fehlt. Um den eigenen veganen Apfelkuchen zu machen, muss man als Neu-Veganer nach alternativen Zutaten Suchen, kauft man Fertigprodukte muss man peinlich genau auf Inhaltsangaben achten und sich mit dem Produktionsprozess auseinander setzen. Dies fördert einen bewussteren Konsum und bringt mehr Wertschätzung für unsere Lebensmittel.

Allerdings unterliegt Veganismus ähnlichen Tendenzen wie andere Bewegungen. Eine zunehmende Kommerzialisierung mit steigendem Angeboten auf dem Markt erleichtert den Veganern das Vegan-Sein, da man nicht alles selber machen muss und einfach vegan konsumieren kann. Damit gehen aber eine Reihe von Problemen einher. Vegane Fertigprodukte sind teuer (im Gegensatz zu den Zutaten die man für selbst Gekochtes braucht) und damit nur für einen begrenzten Kreis zugänglich. Das erhöhte spezifisch vegane Konsumangebot reduziert auch die Notwendigkeit, sich mit den Lebensmitteln zu beschäftigen und sie selber herzustellen, man kann einfach konsumieren, wenn man die Ressourcen besitzt. Dies fördert tendenziell eine Entfremdung von den Bedingungen unter denen die Produkte hergestellt wurden. Dazu gehört auch, dass Vielen nicht bewusst ist, dass vegane Produkte oft hoch verarbeitete Lebensmittel sind, die mit Natur wenig zu tun haben, sondern das Resultat hochtechnischer, industrieller Prozesse sind (Margarine, veganer Käse, Hefeextrakte, Seitan, Gemüsebrühen).

Wenn dies auf die Spitze getrieben wird, wie in dem rücksichtslosen Mainstream Modell der Wirtschaft üblich, wandelt sich der Alltagswiderstand in einen Konsum-Veganismus, der durch eine vegane Lebensmittel-Industrie ermöglicht wird.  Die eigentliche Idee des Veganismus, ein verantwortungsvoller Konsum wird dann, wie alle Ideen, vom Markt pervertiert und effektiv ins Gegenteil verdreht. Letzten Endes muss sich die vegane Bewegung vor einem Übermaß an Kommerzialisierung schützen, wenn sie nicht ihren Sinn verlieren will. Dies ist auch insbesondere eine Herausforderung für Unternehmerinnen auf diesem Gebiet.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist es, den Veganismus nicht als Allheilmittel und einzig wahren Ernährungs- und Lebensstil zu verklären. In Sachen Ernährung lohnt es sich einen Blick auf die biologische Natur des Menschen zu werfen. Menschen sind von ihrer biologischen Ausstattung her, das heißt von ihrem Gebiss, dem Aufbau des Verdauungstraktes und ihrer Enzymausstattung, omnivore Lebewesen also Allesfresser (Becker 1975; Von Koerber et al. 2013, S. 29). Damit stehen die Menschen im Gegensatz zu vielen Tieren, die sich auf rein pflanzliche oder tierische Nahrung spezialisiert haben und oft auf eine ganz bestimmte Art. Man denke nur an den Koala, der sich fast ausschließlich von Eukalyptus ernährt. Dieser hat keine große Wahl bei der Nahrungsaufnahme, seine Ernährung ist in seiner Biologie festgeschrieben. Menschen dagegen haben mit dem zu kämpfen, was Pollan als Omnivoren-Dilemma bezeichnet (Pollan 2006). Wir müssen aus der Unzahl an uns zur Verfügung stehenden Lebensmitteln wählen und uns dauernd fragen, was gesund oder ungesund für uns ist aber auch was gesellschaftlich verantwortbar ist. Menschen können überwiegend von tierischen Produkten leben, vegetarisch oder vegan sein oder sich ernähren wie die Menschen vor 10 000 Jahren (wie in der Paläo-Diät), sie müssen aber nichts davon.

Die Herausforderung hierbei ist: Eine klare allzeit wahre Antwort darauf, was die gesündeste, ökologischste und tierethisch beste Ernährung ist, gibt es nicht. Fleisch und tierische Fette sind ungesund? Kohlenhydrate und Gluten sind schlecht? Pflanzliche Lebensmittel haben einen geringeren CO2-Ausstoß als tierische Lebensmittel? Pflanzliche Lebensmittel schaden Tieren nicht? Alles nicht ganz falsch aber eben auch nicht ganz richtig. Es kommt darauf an, wie mein Alltag aussieht, ob meine Ernährung angemessen ist. Und es kommt darauf an, wie etwas produziert wurde, egal ob vegan oder tierischen Ursprungs, ob es verantwortbar ist.

Die Entscheidungen als potentielle Allesfresser wird uns einfacher gemacht durch Kultur und soziale Normen (spiritueller oder weltlicher Natur) (Harris 1998). Und die Kultur des Veganismus stellt eine neue essenskulturelle Spielart bereit. Als solche ist sie eine Bereicherung aber muss auch kritisch beobachtet werden, insbesondere wenn sich Akteure unter diese Bewegung mischen, die ausschließlich oder primär den Profit vor den Augen haben.

Ich selbst sehe mich als kulinarischer Kosmopolit und möchte mich nicht zu sehr von bestimmten Ernährungskulturen einschränken lassen, aber ich möchte erforschen was sie zu bieten haben. Und Veganismus hat eine Menge an schmackhaften, gesunden und ökologisch verantwortbaren Leckereien zu bieten.

Literatur

Becker, M. 1975. Die Natürliche Ernährung des Menschen im Verlauf der Evolution. Qualitas Plantarum 25/1: 77-88.

Harris, M. 1998. Good to eat: Riddles of food and culture. Waveland Press.

Meadows, D. L., D. H. Meadows, P. Milling, E. Zahn. 1972. Die Grenzen des Wachstums.

Pollan, M. 2006. The omnivore’s dilemma: a natural history of four meals. Penguin.

Tilman, D., M. Clark. 2014. Global diets link environmental sustainability and human health. Nature 515/7528: 518-522.

Von Koerber, K., T. Männle, C. Leitzmann. 2013. Vollwert-Ernährung: Konzeption einer zeitgemäßen und nachhaltigen Ernährung. Georg Thieme Verlag.    

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7 Gedanken zu „Veganismus: vom kulinarischen Widerstand zum Konsum-Veganismus?

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  2. Änderungen von alten Gewohnheiten, die noch dazu der Mehrheitsgesellschaft entsprechen, erfordern immer Zeit und Engagement. Von daher ist es klar, dass man sich als Neuveganer mit Ernährung, Essenszubereitung, Anatomie u.a. beschäftigt. Das sind aber nicht die Gründe für den Umstieg, sondern nur ein positiver Nebeneffekt, der so deutlich wohl leider nur in der Pionierphase auftritt. Wenn Veganismus wirklich eine breite Bevölkerungsgruppen umfassende Ernährungs- und Lebensweise werden sollte (davon ist er noch weit entfernt), dann wird sich dieser Effekt nach und nach abschwächen, weil man leichter auf die Erfahrungen anderer Veganer zurückgreifen kann und das Wissen darum zum Allgemeingut wird.
    Dass es teure vegane Spezialprodukte gibt, ist natürlich marktwirtschaftlichen Mechanismen und dahinter liegenden Bedürfnissen nach bestimmten, althergebrachen Geschmacksrichtungen geschuldet (indische Veganer haben vielleicht gar kein Bedürfnis nach Sojasteaks). Diese Produkte sind oft nicht so gesund und auch nicht so billig. Hier sollte man aber aufpassen und Veganismus nicht mit gesunder Ernährung verwechseln. Oft kommen diese beiden Dinge gemeinsam daher, aber die Gründe für vegane Ernährung sind in der Regel tierethischer Natur. Auch kann ich mir vorstellen, dass dies gerade nur eine Mode ist, weil man entdeckt hat, dass man diese Produkte so gut herstellen kann (ok, beim veganen „Käse“ ist man noch ziemlich weit entfernt von wirklich guten Produkten). Dass diese Produkte teurer sind, ist natürlich eine Folge des Produktionsprozesses an sich und auch des Umstands, dass viele Veganer bereit sind, entsprechend Geld auszugeben, was letztlich den Eindruck erweckt, Veganismus wäre nur für finanziell privilegierte Menschen möglich. Aber das ist ein Fehlschluss. Diverse Bohnen, Linsen, Tofu, Kürbiskerne etc. sind auch für schmalere Geldbeutel erschwinglich.
    Jo, mein Senf ;)…

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    • Danke für deinen Senf ;). Du hast natürlich recht, das „Pionierphasen“ etwas besonderes sind, so auch beim Veganismus. Ich denke aber diese Phasen sind schon besonders wertvoll, da die Menschen aus ihrer Rolle als reine Konsumenten heraustreten und selber Sachen machen oder eventuell sogar Unternehmen oder Initiativen Gründen, um bestimmte Ideen umzusetzen.

      Für mich hat der Veganismus mehrere Facetten: Es geht um das Wohl der Tiere aber auch um die positive Wirkung auf die Umwelt durch einen Verzicht auf Fleisch und durchaus auch um die eigene Gesundheit. Ich denke Veganismus KANN alle drei Aspekte vereinen, aber das muss eben nicht so sein.

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      • hey du lieber,
        danke für die gedanken. ich finde es heftig, daß der bio-gedanke in der veganen bewegung völlig verschwindet. übrig bleibt ein gouda-käse aus köln-aus kartoffelstärke und anderen zutaten.
        das mikroskop-buch von soyananda hat mich tief beeindruckt: was esse ich da für einen industrieschrott mit duft&geschmacksstoffen?
        herzgruß
        geErd

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  4. Interessant finde ich auch, dass Veganismus inzwischen regelrecht als Wellnesstrend daherkommt bzw. vermarktet wird. Vegan leben als Gesundheitsideal, als Schlankheitskur, als Reinigung von Körper Geist und Seele? Ähnlich wie Yoga ist Veganismus zu einem regelrechten Trend geworden.
    Viele Menschen machen auch gar nicht mehr den Schritt über den typischen Vegetarismus, sondern werden gleich „ohne Umwege“ zum Veganer. Vegan ist scheinbar zum neuen Vegetarisch geworden.Vor zehn Jahren kannte ich fast keine Veganer, dafür aber sehr viele Vegetarier.
    Und heute kenne nicht einmal einen einzigen Vegetarier mehr, sondern eben nur noch Leute, die entweder Allesesser sind oder eben Veganer.

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    • Tja der Markt schlachtet halt wirklich alles aus. Außerdem ist der Ernährungsstil für vielen Menschen identitätsstiftend: er dient der gleichzeitigen Abgrenzung und Gruppenzuordnung. Ich denke das ist einfacher bei einer so stringenten Ernährung wie dem Veganismus als beim „wishi-waschi“ Vegetarismus

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