Das Siegel-Siegel: Sinn und Unsinn von Siegeln bei Lebensmitteln

Siegel Wald

Kleiner Ausschnitt aus der Siegel-Vielfalt

Heutzutage gibt es eine Reihe von Siegeln, die den Verbraucher über die ökologische oder soziale Verträglichkeit von Konsumgütern informieren sollen. Bekannteste Beispiele sind das Bio-Siegel, das Fairtrade-Siegel und das MSC-Siegel für Fischprodukte. Diese Siegel sollen es dem Verbraucher ermöglichen verantwortungsvolle Konsumentscheidungen im Alltag zu treffen, also während des Einkaufes im Supermarkt oder einem Textil Geschäft. Sie sollen aufwendige Recherchen, für die im Alltag keine Zeit ist, überflüssig machen. Siegel ermöglichen eine visuelle Erkennung auf einen Blick. Es gibt aber einen tieferliegenden Grund warum wir Siegel brauchen und der hat mit unserer Gesellschaft zu tun. Konsum und Produktion der Güter des alltäglichen Bedarfes sind voneinander getrennt, so dass der Konsument keinen Einblick in den Entstehungsprozess hat. Diese Trennung wird, einerseits durch die technologischen Entwicklungen im Transport und, im Bereich Lebensmittel, durch Konservierungstechnologie möglich. Andererseits wird die Trennung von Konsum und Produktion dadurch erzeugt, wie unsere Gesellschaft organisiert ist: Die meisten Menschen leben in einem Konsumhaushalt, in dem die meiste Zeit damit verbracht wird Geld mit einer spezialisierten Tätigkeit zu verdienen, um die meisten Güter und Dienstleistungen am Markt von Produzenten zu erwerben (Häussermann, H., W. Siebel. 2004, S. 67; Paech 2012). Konsumhaushalte sind eingebettet in ein Fremdversorgungssystem. Siegel bieten hier eine naheliegende Lösung. Hinter den Siegeln stehen Institutionen, die den teils sehr komplexen Entstehungsprozess der Konsumgüter überprüfen (z.B. Öko-Kontrollstellen) und so dem Konsumenten die Arbeit abnehmen. Das Problem dabei ist das Vertrauen: wir müssen dem Siegel und den Akteuren, die die Siegel vergeben, vertrauen. Dieses Vertrauen wurde in der Vergangenheit allerdings oft gebrochen (z.B. dargestellt in der Arte Dokumentation „Die Bio-Illusion„). Außerdem gibt es mittlerweile einen wahren „Siegel-Dschungel“, den man nur schwer durchschaut.

Das Siegel-Siegel

An dieser Stelle springt Jens Kolodziejczak mit der Idee der Siegel-Bewertung ein, die er am gestrigen Abend im Rahmen einer Veranstaltungsreihe von Oikos-Leipzig vorgestellt hat. Zusammen mit einem Kollegen hat er eine Reihe von Siegeln einem Bewertungsprozess unterworfen, deren Ergebnisse man auf  label-online findet. Label-online soll einem den Weg durch den Siegel-Dschungel weisen. Anhand einer Bewertungsmatrix mit den Kriterien Anspruch, Kontrolle, Unabhängigkeit und Transparenz werden die Siegel bewertet, von „besonders empfehlenswert“ bis „nicht empfehlenswert“. Auf den ersten Blick scheint die Bewertung von Siegeln und damit eine Art „Siegel-Siegel“ eine vernünftige Sache. Allerdings führt das Siegel-Siegel auch die Funktion des Siegel ad-absurdum: anstatt den Einkauf zu erleichtern muss ich nun vor dem Einkauf recherchieren welchen Siegeln ich trauen kann (oder die passende app auf meinem Smartphone installieren). Außerdem wird die labile „Vertrauenskette“ nochmal verlängert: kann man sich auf die Bewertung der Siegel wirklich verlassen? Überprüft wird z.B. nur das Konzept der Siegel das irgendwo auf Papier niedergelegt ist und nicht die Umsetzung und Einhaltung des Konzeptes in der Praxis. Letztlich ist das Siegel-Siegel ein durchaus logisch aufgebautes Konzept. Allerdings ist für mich der Mehrwert dieses Ansatzes die Erkenntnis, dass der Konsumhaushalt so wie er sich jetzt gestaltet schwerwiegende Probleme verursacht, die durch Siegel allenfalls teilweise bewältigt werden können. Siegel mögen hilfreich und wichtig sein aber ein Ernährungssystem, dass nur auf Siegeln aufbaut, steht auf wackligen Beinen.

Alternative Wege: Jenseits von Siegeln

Eine weitere Möglichkeit ist eine Verkürzung der Vertrauenskette durch eine stärkere Einbindung der Konsumhaushalte in ein regionales Versorgungssystem oder sogar einer Stärkung der Selbstversorgung der Haushalte. Allerdings kann man kaum alle Produkte regional beziehen oder gar selbst produzieren. Neben dem Siegel-Ansatz gibt es aber auch noch den Ansatz des direct trade (direkter Handel). Hier ist ein Händler im direkten Kontakt mit den Produzenten in anderen Ländern und birgt für die guten Bedingungen unter denen ein Produkt hergestellt wurde. In Leipzig kenne ich zwei Projekte, die diesen Ansatz wählen: OLI.VEN.OEL vertreibt Olivenöl aus Griechenland; das noch in den Startlöchern befindliche diverse Genussmittel will Kaffe und weitere Produkte aus Peru vertreiben. In diesem Ansatz steckt sicher noch einiges an Potential, dass durch kreative und mutige Unternehmer gehoben werden kann.

Zitierte Literatur

Häussermann, H., W. Siebel. 2004. Stadtsoziologie: eine Einführung. Frankfurt/Main: Campus Verlag.

Paech, N. 2012. Befreiung vom Überfluss: auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie.Oekom-Verlag.

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2 Gedanken zu „Das Siegel-Siegel: Sinn und Unsinn von Siegeln bei Lebensmitteln

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