Regionale Versorgung und do-it-your-self Kultur: Ausweg aus der Falle des entgrenzten Konsums?

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Ein Blick in den Laden Pro Regional im Leipziger Westen. Hier kriegt man regionale Produkte (Eigenes Foto)

Die Menschen haben früher in kleinen Gemeinschaften gelebt, die sich zum großen Teil selbst versorgten, z.B. mit Lebensmitteln des täglichen Bedarfes. Ein weiterer Teil der Versorgung wurde durch lokalen und regionalen Handel ergänzt. Überregionaler Handel war auf wenige haltbare Güter (z.B. Gewürze) beschränkt. Diese Gemeinschaften nannte man Haushalt  bzw. Oikos. Mit der Entwicklung von Transporttechnologie, Konservierungstechniken und städtischen versiegelten Ballungszentren wurde der Haushalt zunehmend in ein globales Fremdversorgungssystem eingebettet (Häussermann, H., W. Siebel. 2004, S. 67). Dadurch wurde der Haushalt der Produktion und Konsum vereint zu einem privaten Konsumhaushalt. Nahezu alle Bedürfnisse des Konsumhaushaltes werden durch hochspezialisierte unternehmerische Produzenten erfüllt, die die Konsumhaushalte über internationale Märkte versorgen. Der Konsumhaushalt ist nur noch in dem Sinne produktiv, dass er ein Einkommen erzielt durch das er den Konsum finanzieren kann. Dieser Wandel hat weitreichende Konsequenzen für die Gesellschaft aber auch für die Menschen die in ihr leben.

  1. Die erste Konsequenz ist eine physische Entgrenzung unserer Ernährung durch den massiven Einsatz von Technologie in Kombination mit fossilen Energieträgern und internationalen Märkten. Lebten wir früher nur von den Ressourcen in unsere Region, konsumieren wir heute Millionen Jahre alte fossile Sonnenenergie sowie Boden und Ökosystemdienstleistungen aus weit entfernten Regionen. Diese Entgrenzung hat schwerwiegende ökologische Folgen (SCBD 2014). Auch biologisch produzierte Lebensmittel die weite Transportwege hinter sich haben, sind hier kritisch zu betrachten (Clausing 2014).
  2. Produzenten orientieren sich nicht an den Bedürfnissen ihrer Region sondern an denen des internationalen Marktes.  Zu diesem Zweck findet eine Ausbeutung von Menschen statt, die selbst als Konsumenten darauf angewiesen sind ein Einkommen zu erzielen, damit sie ihre Bedürfnisse am Markt befriedigen können.
  3. Hinzu kommt eine Entfremdung der Konsumenten von den sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen von Lebensmitteln.  Entfremdung heißt, dass der Entstehungsprozess von Lebensmitteln aus dem Bewusstsein tritt da sie nur als Konsumgut wahrgenommen werden und der Alltag von Konsumenten eine weitere Reflexion stark erschwert (Ritzer 2012). Entfremdung führt zu Handlungen die den Entstehungskontext außer acht lassen, das heißt das sie, wenn auch unabsichtlich, zu verantwortungslosen Konsummustern führt. Dies verstärkt wiederum die negativen ökologischen und sozialen Folgen. Entfremdung führt zu einem positiven Feedback und lässt damit das System weiter außer Kontrolle geraten. Ein Teil der Bevölkerung mag es sich leisten können oder hat es sich zur idealistischen Aufgabe gemacht sich über diese Folgen Gedanken zu machen und vor allem aktiv zu Handeln. Aber für einen Großteil der Bevölkerung trifft dies nicht zu (Diekmann 2001).
  4. Konsumhaushalte sind nahezu vollständig abhängig von der Fremdversorgung und damit im Fall eines Ausfalls des Fremdversorgungssystems vollkommen hilflos (Paech 2012).

Welche Optionen also haben wir um mit diesem Problem umzugehen?

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Das Einkaufs-Center Höfe am Brühl und vorgelagerter Wochenmarkt am Richard-Wagner Platz in Leipzig (eigenes Foto).

Produktive Haushalte und do-it-your-self Kultur

Eine Möglichkeit ist den Konsumentenhaushalt wieder mehr zu zu einem Haushalt zu entwickeln, der sowohl konsumiert als auch produziert, also zu dem was man im alten Griechenland als Oikos bezeichnet hat. Paech verwendet den Begriff des Prosumenten (Paech 2012). Eine etwas trendigere Bezeichnung ist die der do-it-your-self Kultur. Hierunter fällt der Anbau von Gemüse für den eigenen Bedarf in klassischen Kleingärten oder den zur Zeit populären Gemeinschaftsgärten. Ergänzend hierzu ist das Konzept der solidarischen Landwirtschaft in dem Produzenten und Konsumenten eine Gemeinschaft bilden. Ein weiteres Element ist die Verarbeitung und Veredelung von Lebensmitteln im eigenen Haushalt, statt auf verarbeitet Produkte zurückzugreifen. Darunter fällt z.B. das selber Kochen mit unverarbeiteten Produkten (ob aus dem eigenen Garten oder dem Supermarkt), Marmelade einkochen oder den eigenen Wein zu fermentieren. Produktive Haushalte können den Kontext der Entstehung von Lebensmitteln erfahrbar machen und so die Entfremdung reduzieren. Auch können sie einen signifikanten Beitrag zur materiellen Versorgung leisten, wie z.B. Londoner Stadtgärten zeigen (Sustain 2014). Es gibt aber auch klare Grenzen des do-it-your-self: Wissen, Fertigkeit und Zeit. Man kann nicht alles selber machen. Oder zugespitzt formuliert: „Wenn du einen Apfelkuchen komplett selbst machen möchtest, musst du erstmal das Universum erfinden“ (Sagan 2006, S. 230). Das Modell der vollkommen autarken Selbstversorgerin ist nur durch massive Selbst-Beschränkung möglich. Das halte ich für nicht lebenswert. Es führt zu sozialer Selbst-Ausgrenzung, kultureller Armut und hat keine gesellschaftliche Relevanz. Sie ist lediglich ein erträumter, idealtypischer Urzustand. Einen gewissen Grad an Arbeitsteilung und Entfremdung müssen wir aushalten, wenn wir gesellschaftsfähig bleiben wollen. Außerdem ist nicht jeder ein Garten-Fan oder versierter Koch und sollte auch nicht dazu gezwungen werden. Das Modell der vollkommen autarken Selbstversorgerin finde ich deshalb problematisch aber ein Mehr an Produktivität im Haushalt, in Richtung Prosument oder Oikos, ist durchaus erstrebenswert.

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Kartoffel-Anbau für den Eigenbedarf im Leipziger Gemeinschaftsgarten Querbeet (eigenes Foto)

Einbettung in regionale Versorgungssysteme

Der Haushalt sollte deshalb als Ergänzung zu einer höheren Eigenproduktivität wieder stärker in ein regionales Versorgungssystem eingebettet werden. Dafür brauchen wir eine regionale Produktion von Lebensmitteln in Gärtnereien und Höfen, die sich nach den regionalen Bedürfnissen und nicht nach dem Weltmarkt richtet. Ergänzend brauchen wir eine Stärkung der regionalen Verarbeitung und Veredelung von Lebensmitteln, wie Käse, Bier und Joghurt oder Tofu.  Diese sollte sich daran orientieren was ökologisch sinnvoll bei uns angebaut werden kann (aufgrund unserer klimatischen Gegebenheiten). Eine Verarbeitung regionaler Produkte für den regionalen Bedarf wiederum erzeugt Nachfrage für den regionalen Anbau ebendieser Produkte. Ein stärker regional orientierter  Handel, der regionale Produktion und Nachfrage zusammenbringt ist ein weiteres wichtiges Element, um den Haushalt in ein regionales Versorgungssystem einzubetten. Dazu gehören u.a. klassische Ladenlokale, regionale Märkte, Direktvermarktung oder Lieferkisten. Neben der Verkürzung der Transportwege kann ein regionales Versorgungssystem, wie z.B. regionale Märkte, den sozialen  Austausch innerhalb einer Region und zwischen Stadt und Land fördern (Gillespie 2007). Regionale Versorgungssysteme bieten so auch die Möglichkeit Entfremdung zu reduzieren. Aber auch regionale Versorgungssysteme haben ihre Grenzen: Manches geht schlicht nicht regional oder nur unter einem absurd hohen Ressourcenverbrauch, z.B. die Kultivierung von Kakao in deutschen Gewächshäusern. Außerdem ist ein interregionaler Austausch kulturell wichtig und wünschenswert, und hat uns auch in der Vergangenheit bereichert (Kartoffeln und Tomaten kommen ursprünglich aus Amerika). Regionale Einbettung sollte deshalb nicht mit Abschottung gleichgesetzt werden.

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Pro Regional: ein Fachgeschäft im Leipziger Westen das sich auf regionale Produkte spezialisiert hat (eigenes Foto).

Regionalität und do-it-you-self Kultur als Teil eines alternativen Ernährungssystems

Stärkere regionale Versorgungssysteme und produktivere Haushalte können ein wichtiger Beitrag sein zu einem alternativen Ernährungssystem und sollten bestehende Ansätze wie Bio-Zertifizierung und Fair-Zertifizierung ergänzen. Sie haben das Potential den Kontext der Entstehung von Lebensmitteln erfahrbar zu machen und die Entfremdung zu reduzieren. Dadurch wird ein sowohl sozial als auch ökologisch verantwortungsvollerer Konsum gefördert. Außerdem können sie den Energiebedarf durch lange Transportwege reduzieren und die Unabhängigkeit von globalen Märkten verringern. Deshalb stellen sie ein wichtiges Element einer Postwachstumsgesellschaft im Sinne von Paech (2012) dar, wie sie auch auf der Leipziger degrowth Konferenz proklamiert wurde.

Zitierte Literatur

Clausing, P. 2014. Energieschleuder Agrarindustrie. Ökologie & Landbau 42/172: 32-34.

Diekmann, A., P. Preisendörfer. 2001. Umweltsoziologie – Eine Einführung. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.

Gillespie, G., D. L. Hilchey, C. C. Hinrichs, G. Feenstra. 2007. Farmer’s markets as keystones in rebuilding local and regional food systems. Remaking the North American food system: Strategies for sustainability: 65-83.

Häussermann, H., W. Siebel. 2004. Stadtsoziologie: eine Einführung. Frankfurt/Main: Campus Verlag.

Paech, N. 2012. Befreiung vom Überfluss: auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. Oekom-Verlag.

Ritzer, G. 2012. Sociological theory. 8 edition. New York: McGraw-Hill Education.

Sagan, C. 2006. Cosmos. Volume 1. Edicions Universitat Barcelona.

Sustain. 2014. Reaping Rewards: Can communities grow a million meals for London? London.

SCBD. 2014. Global Biodiversity Outlook 4. Montréal: Secretariat of the Convention on Biological Diversity.

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