Die Renaissance regionaler Märkte: Zukunft oder Holzweg?

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Ein Bauernmarkt in Jamalpur, Ahmedabad. Fotograf: Mananshah1008 (creative commons license)

Unter einem Markt versteht man heutzutage meistens ein Ort des knallharten Wettbewerbs, des Zusammenkommens von Angebot und Nachfrage, der Effizienz-Maximierung und Renditen. Diese Märkte sind z.B. der globale Kapitalmarkt oder der globale Agrar- und Lebensmittelmarkt. Außerdem gibt es natürlich bei jedem um die Ecke einen Supermarkt oder Discounter, die an diese wettbewerbsorientierten, globalen Märkte über die Waren und Kapitalströme gekoppelt sind. Daneben gibt es eine Art von Märkten die als überkommenes Auslaufmodell oder als kurioses Relikt  aus längst vergangenen Zeiten gelten: Märkte auf denen regionale und handwerklich hergestellte Produkte wie Gemüse, Fleisch, Honig und Wein und auch Kunsthandwerk angeboten werden. Tatsächlich aber findet gerade eine Renaissance regionaler Märkte statt. In den USA hat die Zahl sogenannter „farmers‘ markets“ ein rasantes Wachstum hingelegt: Während es im Jahr 1994 lediglich 1755 farmers‘ markets gab, ist die Zahl auf 8268 im Jahr 2014 gestiegen (USDA 2014). Auch in Deutschland gewinnen die regionalen Märkte zumindest an öffentlichem Interesse und Unterstützung wie z.B. eine Spezialausgabe des Slow Food Magazins zum Thema regionale Märkte zeigt (Desrues 2013). Auch das sehr gut besuchte Stadt Land Food Festival rund um die Markthalle Neuen in Berlin-Kreuzberg zeigen ein erstarkendes Interesse. Auch haben regionalen Lebensmittel selbst in den Regalen konventioneller Supermärkte wie Rewe eine recht prominente Präsenz gewonnen.

USDA 2014

Quelle USDA

In Leipzig gibt es eine Reihe von Wochenmärkte und Spezialmärkten die von der Stadt organisiert werden. Es gab auch Überlegungen zu einer neuen Markthalle auf dem Gelände des  Wilhelm-Leuschner Platzes. Ich bin bisher nicht viel auf Wochenmärkten unterwegs gewesen  sondern kaufe eher bei Supermärkten ein und kann deshalb zur Ausrichtung der Leipziger Märkte nicht viel sagen. Wie sieht es hier aus mit dem Angebot an regionalen und Handwerklichen Produkten? Falls ihr Erfahrungen habt schreibt Kommentare oder eine Mail. In den nächsten Wochen werde ich die verschiedensten Leipziger Märkte abklappern, recherchieren und dies in einem Bericht zusammenfassen.

Unser marodes Ernährungssystem

Die industrialisierte Agrarwirtschaft erzeugt trotz oder vielmehr gerade wegen aller technischer Errungenschaften schwere Probleme. Sie ist ein Verlustgeschäft aus energetischer Sicht. Es fließt zehnmal so viel fossile Energie in die Produktion als an Sonnenenergie in landwirtschaftlichen Produkten gespeichert wird (Clausing 2014). Die industrielle Landwirtschaft trägt durch den Einsatz von Monokulturen und Düngemitteln die Hauptverantwortung für den Verlust biologischer Vielfalt  (SCBD 2014).  Desweiteren führt die industrielle Konzentration von Lebensmittelhandel und Verarbeitung zu einer prekären Einkommenslage von Landwirten. Die Strategie des Biolandbaus dem entgegenzuwirken zeigt sich als nur begrenzt wirksam. Viele biologische Agrarprodukte werden von weit her importiert und haben daher eine ähnlich schlechte Umwelt-Bilanz wie konventionelle Produkte  (Clausing 2014) Durch die Trennung von Stadt und Land und Konsum und Produktion von Lebensmitteln tritt der soziale und ökologische Kontext der Produktion aus dem Bewusstsein der Konsumenten und damit auch die Verantwortung für die Konsequenzen des eigenen Konsums (Pollan 2013). Dies führt zu ökologisch und sozial verantwortungslosen Konsummustern. Was also kann man tun um unsere Ernährungssystem zukunftsfähig zu gestalten?

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Stadt Land Food Festival (eigenes Foto)

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Stadt Land Food Festival (eigenes Foto)

Regionale Märkte als eine Antwort?

Derzeit populär sind Lösungsansätze, die jenseits von Märkten stattfinden: Solidarische Landwirtschaft, urbane Subsistenz-Gärten und genossenschaftliche food coops. Dies liegt daran das unser heutiges Verständnis von Märkten soziale Funktionen komplett ausklammern. Auch in dem Konzept der „sozialen Marktwirtschaft“. Soziale Funktionen finden außerhalb von Märkten statt und werden als Einschränkungen des Marktes  wahrgenommen. Allerdings kann man auch versuchen Markt wieder anders und neu zu denken und zwar radikal jenseits der Floskel einer „sozialen Marktwirtschaft“. Nicht endloses Wachstum und Profitmaximierung sondern, regionaler Fokus; nicht nur Austausch von Geld und Waren sondern auch kultureller Austausch, Austausch von Stadt und Land. Der Markt wird nicht wie in der „sozialen Marktwirtschaft“ durch Institutionen und Gesetze sozial reguliert sondern wird so gestaltet das er selbst soziale und ökologische Funktionen erfüllt. Das ist ganz im Sinne einer Postwachstumsgesellschaft wie sie auf der Degrowth Konferenz diesen Herbst in Leipzig proklamiert wurde (siehe auch Paech 2012). Regionale Märkte (farmers markets) werden deshalb als Schlüsselelemente alternativer regionaler Versorgungssysteme gesehen (Gillespie et al. 2007). Regionale Märkte können dabei folgende Funktionen erfüllen (Gillespie et al. 2007; Vecchio 2009):

  1. Sie machen regionale Lebensmittelproduzenten sichtbar in öffentlichen Räumen, da der Zugang zu konventionellen Supermärkten immer noch beschränkt ist.
  2. Sie erlauben regionalen Produzenten eine Diversifizierung der Produktion und erhöhen so die Sicherheit ihres Einkommens, während heutzutage viele Bauern durch eine Beschränkung auf wenige Produkte in starke Abhängigkeit geraten, (gleichzeitig erhöht dies die biologische Vielfalt auf den Äckern)
  3. Sie schaffen Gelegenheiten und Innovationen für die Gründung kleiner Unternehmen und start ups (entrepeneurship)
  4. Sie schaffen einen Ort wo Markttransaktionen mit sozialem Austausch gekoppelt sind.

Weitere Funktionen sind: eine Verkürzung der Transportwege, die eine geringerer Umweltbelastung verursachen; regionale Märkte als Brücke zwischen Stadt und Land erzeugen mehr Bewusstsein für die ökologischen und sozialen Produktionsbedingungen landwirtschaftlicher Produkte (Bewusstseinsbrücken), was wiederum zu nachhaltigeren Konsummustern führt. Regionale Märkte ergänzen dadurch andere Elemente eines alternativen Versorgungssystems die sich außerhalb des Marktes bewegen, wie zu z.B. solidarische Landwirtschaft, urbane Subsistenz-Gärten und foodcoops (Gillespie et al. 2007).

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Ein Bauernmarkt in Layyah, Pakistan. Fotografiert von Kamran Ali (creative commons license)

Wie weiter in die Zukunft?

Es gibt aber auch eine Reihe kritischer Fragen die man beantworten muss: handwerklich und regional produzierte Produkte können oft erheblich teuerer sein als das was man in Discountern und Supermärkten findet. Wie sollen Menschen mit geringem Einkommen sich das leisten? Hier sind solidarische Ansätze erforderlich. Ein weiteres Problem ist das des „upscalings“ regionaler Märkte: wie kann man die Bedeutung regionaler Märkte stärken ohne das sie ihre Kerneigenschaft, eben die Regionalität, verlieren (Wittman et al 2012)? Diese Probleme zu überwinden ist wohl nur durch eine gute Mischung aus praktischem Experimentieren in der Praxis, gegenseitigem Lernen unter Praktikern aber durchaus auch forschungsbasierten Ansätzen möglich. Ein interessantes praktisches Experiment ist z.B. die Markthalle Neun in Berlin Kreuzberg oder im digitalen Bereich fairmondo als alternative zu amazon und ebay. Interessante Ergebnis einer Forschungsarbeit ist z.B. das farmers markets toolkit mit praktischen Empfehlungen zum Aufbau regionaler Märkte.

Zitierte Literatur

Desrues, G. 2013. Vom Ursprung der Märkte und ihrer Bedeutung heute. Slow Food 21/3.

Gillespie, G., D. L. Hilchey, C. C. Hinrichs, G. Feenstra. 2007. Farmer’s markets as keystones in rebuilding local and regional food systems. Remaking the North American food system: Strategies for sustainability: 65-83.

Paech, N. 2012. Befreiung vom Überfluss: auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. Oekom-Verlag.

Peter, C. 2014. Energieschleuder Agrarindustrie. Ökologie & Landbau 42/172: 32-34.

Pollan, M. 2013. Cooked: A natural history of transformation. Penguin UK.

Secretariat of the Convention on Biological Diversity (2014) Global Biodiversity Outlook 4. Montréal.

Vecchio, R. 2009. European and United States farmer’s markets: Similarities, differences and potential developments. Paper presented at the presentation at the 113th EAAE Seminar‚ A resilient European food industry and food chain in a challenging world, Chania, Crete.

Wittman, H., M. Beckie, C. Hergesheimer. 2012. Linking Local Food Systems and the Social Economy? Future Roles for Farmers‘ Markets in Alberta and British Columbia*. Rural Sociology 77/1: 36-61.

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