Warum selber kochen? Der Sinn vom Kochen im Zeitalter von Lebensmittelindustrie und System-Gastronomie

Pollan_Cooked Jacket Niemand muss mehr Kochen in der heutigen Gesellschaft. Die Lebensmittelindustrie mit ihren Fertigprodukten und die moderne sogenannte System-Gastronomie haben uns befreit vom Zeitfresser Kochen und dem Gefängnis der Küche. Dadurch ist das Kochen verbannt in industrielle Großanlagen und professionelle Küchen. Kochen tritt in unser Bewusstsein als ein Event bei dem man anderen zuschaut (im Fernsehen), über das man liest (Kochzeitschriften und Bücher) und gelegentlich zu speziellen Anlässen auch mal selber aktiv wird. Warum also sollte man selber kochen? In diesem Beitrag will ich mich auf die Suche nach verschiedenen Antworten für den Sinn des selber Kochens begeben. Dazu inspiriert hat mich das neue Buch von Michael Pollan „Cooked – A natural history of transformation“. In diesem Buch beschäftigt sich Pollan umfassend mit dem Sinn und der Natur des Kochens. Hier sind einige Argumente gegen das selber Kochen und für eine Versorgung durch Lebensmittelindustrie und Gastronomie:

  • Zum einen eine feministisch-emanzipatorische Befreiung der Frauen von Herd und Küche. Frauen können sich jetzt professionellen, angesehenen Berufen und einflussreichen Positionen widmen anstatt die eigene Familie zu versorgen.
  • Darüberhinaus bietet die Lebensmittelindustrie aber allen eine Zeitersparnis um diese für vermeintlich wichtigeres zu investieren, z.B. für mehr Sport, den Job oder die Familie.
  • Kochen zur Selbstversorgung ist außerdem aus ökonomischer Perspektive höchst unproduktiv: In der gleichen Zeit in der wir eine Pizza selber machen, können viele mit ihrem bezahlten Job Geld für dutzende Pizzas verdienen.
  • Außerdem wird oft festgestellt das häusliches Kochen, verteilt auf viele kleine Küchen, ökologisch ineffizient sei im Vergleich zur großskaligen Lebensmittelproduktion und System-Gastronomie.

Hinter den ersten drei Argumenten steht eine Abwertung des Kochens zum Zweck der Selbstversorgung und eine relative Aufwertung professioneller Tätigkeiten zum Geld verdienen. Diese Haltung kann man teilen aber ich tue das, überwiegend, nicht. Welche Argumente sprechen also für das selber Kochen? Hier sind eine Reihe möglicher Antworten:

  • Kochen bedeutet Menschsein: Kochen kann als eine anthropologische Grundeigenschaft gelten also als etwas das den Menschen ähnlich wie Sprache und Werkzeuggebrauch vom Tier unterscheidet. Die Aufgabe des Kochens impliziert deshalb die Aufgabe eines fundamentalen Elementes unserer Menschlichkeit.
  • Kochen kann unser Bewusstsein erhöhen für unsere natürlichen Lebensgrundlagen und die Umwelt: Kochen bedeutet sich aktiv in den Umwandlungsprozess von Natur in Kultur zu begeben. Dabei spielen menschliche Bedürfnisse eine Rolle (Ernährung, Genuss, Gesundheit) aber auch die Ansprüche und Bedingungen der natürlichen Umwelt die die Zutaten für unser Kochen bereitstellt. Uns wird bewusst, das unser Leben auf das tiefste mit unserer natürlichen Umwelt verwoben ist. Industrielle Lebensmittelproduktion und System-Gastronomie entfremden den Menschen von dem Verarbeiten von Lebensmitteln und damit von der Umwandlung von Natur in Kultur. Dies sorgt dafür das die Menschen sich nicht der Verbindung ihrer Ansprüche und der ökologischen Gegebenheiten bewusst werden und sich damit auch keiner Verantwortung bewusst sind für die sozialen und ökologischen Konsequenzen von Lebensmittelproduktion.
  • Selber Kochen fördert die Gesundheit. Menschen die Kochen ernähren sich bewusster. Außerdem „verarscht“ industrielles Essen die menschliche Biologie: Zucker zeigte ursprünglich die Reife und Genießbarkeit von Früchten. Heute wird dies durch industriell Konstruierte Lebensmittel konterkariert. Durch zugeführte Zucker verliert die Süße ihren Indikatorwert für gesunde Lebensmittel.  Ähnliches gilt für Glutamat das natürlicher Bestandteil von Fleisch und Gemüse ist und durch den Kochprozess freigesetzt wird. Der Geschmackssinn für Glutamat, Umami, zeigt uns eine  gute Verdaulichkeit an. Durch industrielle Zugabe von Glutamat verliert unser Umami Geschmackssinn aber seinen Indikatorwert.
  • Kochen erhöht die Unabhängigkeit: Sein Essen selber zu kochen bedeutet unabhängig zu sein von der Lebensmittelindustrie. Damit ist Kochen ein Teil der Ernährungssouveränität.
  • Gemeinschaft und Kultur: Gemeinsames Kochen und Verzehren erzeugt eine gemeinsame Erfahrung die verbindet. Dies steht im Kontrast zu individuell bestellten Gerichten wie in der Gastronomie und einem Lieferservice. Auch Geschichten die sich rund ums Essen und seine Entstehung drehen, erzeugen Gemeinschaft (das Rezept kommt von einer Freundin, das das Gemüse vom letzten Bauernmarkt.)

10481618_307622636080720_7486545230704358113_n10455938_307622996080684_4284263951532229789_n

Fazit: Für jemanden für den Effizienz das Maß aller Dinge ist, ist selber Kochen sicherlich keine sinnvolle Alltagstätigkeit. In diesem Kontext ist es nur sinnvoll um bestimmte strategische Ziele zu erreichen, z.B. Geschäftspartner zu einem leckeren Essen einzuladen, wenn es sich also zur Erreichung ökonomischer Ziele einsetzen lässt. Effizienz ist zwar wichtig aber ich verweigere mich ihr alles unterzuordnen. In bestimmten Bereichen ist es, denke ich, sinnvoller und zwar sowohl ökologisch, sozial als auch ökonomisch, auf ein bisschen weniger an Effizienz zu setzen. Dies ermöglicht uns von den Vorteilen des selber Kochens zu profitieren im Sinne unserer Gesundheit, Umwelt, Kultur und dem Menschsein.

Weiterführende Literatur:

Pollan, M. 2013. Cooked: A natural history of transformation. Penguin UK.

Levi-Strauss, C. 1969. The Raw and the Cooked. 1964. Trans. Doreen Weightman and          John Weightman. New York: Harper and Row.

Advertisements

2 Gedanken zu „Warum selber kochen? Der Sinn vom Kochen im Zeitalter von Lebensmittelindustrie und System-Gastronomie

  1. Pingback: Schwerpunkt Lebensmittel und Ernährung im Oktober |

  2. Pingback: Regionale Versorgung und do-it-your-self: Ausweg aus der Falle des entgrenzten Konsums? | kochkultur-leipzig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s