Bericht: Stadt Land Food Festival und Wir haben es satt Kongress in Berlin

10714501_840844885947254_2482234104732890743_o2014-10-04 16.14.01IMG_0708

In unserer heutigen Gesellschaft sind Lebensmittelproduktion und Konsum zwei völlig getrennte Sphären: produziert wird in industriellem Maßstab auf den Feldern außerhalb der Städte und in großen Lebensmittelfabriken an der Stadtperipherie. Der Konsum findet überwiegend in den Städten statt. Dies führt zu ökologischen aber auch einer Reihe sozialer Probleme. Stadt und Land, Konsumenten und Produzenten wieder näher zusammenzubringen das war das inoffizielle Motto des Stadt Land Food Festivals und des Wir haben es satt Kongresses letzte Woche in Berlin vom 2.10-5.10.

Bei dem Statt Land Food Festival ging es darum die handwerkliche und regionale Lebensmittelproduktion als Alternative zur industrialisierten Lebensmittelproduktion ins Bewusstsein und die Erfahrung der Städter zurückzubringen. In Lebensmittelwerkstätten konnte man beobachten wie handwerklich Käse gemacht, Brot gebacken, Wurst gemacht, Gin destilliert oder Rapsöl gepresst wurde (siehe Fotos).

Das Festival fand in und um die Markthalle Neun in Berlin Kreuzberg statt, einem spannenden Ort an dem mit zukunftsfähiger Gestaltung von Städten experimentiert wird. In einer von Discountern und Einkaufszentren dominierten urbanen Landschaft schafft die Markthalle neuen Raum für einen Markt der nicht an globalen Warenströmen und Profitmaximierung orientiert ist sondern an den regionalen Bedürfnisse von Konsumenten und Produzenten. Die Markthalle möchte den Kiez Kreuzberg mit dem Berliner Umland verbinden. Dementsprechend konnte man auf einer Reihe von Ständen handwerklich oder lokal produzierte Lebensmittel erwerben, darunter: Apfelsaft aus einer mobilen Berliner Mosterei, handwerklich hergestellte Craft Biere, regional produzierte Brotaufstriche, Käse und Wein. Am Slow Food Stammtisch konnte man Käse und Wein verkosten sowie den neuen Slow Food Genussführer bewundern der den weg zu Gastronomischen Einrichtungen weist, die den Slow Food Prinzipien gut, sauber und fair folgen. Die Markthalle neun ist ein praktisches Beispiel wie wir zukunftsfähige, regional verankerte und ökologisch nachhaltige Städte schaffen können. Allerdings kann man einige Aspekte durchaus kritisch betrachten z.B. die potenzielle Ausgrenzung einkommenschwacher Gruppen durch die doch zum Teil sehr hohen Preise. Auch der „Street Food Thursday“ auf dem gehobenes street food feil geboten wird, kann kritisch als konsumorientierte Veranstaltung für den gehobenen Mittelstand betrachtet werden bei dem regionale und ökologische Produktion zwar eine Rolle spielen aber doch etwas in den Hintergrund treten.

Für Besucher mit unternehmerischen Ambitionen gab es einen Workshop für Unternehmensgründer vom Food Entrepeneurs Club in dem eine Reihe von „Food Entrepeneurs“ ihre Erfahrungen vorstellten so z.B. Bernd Maier einem Mitbegründer der Markthalle Neun und Tom Michelberger der das Berliner Michelberger Hotel gründete.

IMG_0650IMG_0759IMG_0762IMG_0814

Bei dem Wir haben es satt Kongress ging es vorwiegend über den Status der modernen Landwirtschaft und ihre ökologischen aber auch sozialen Folgen. Benny Haerlin von der Zukunftstiftung Landwirtschaft verwies in seinem Vortrag auf die planetaren Grenzen die durch die industrielle Landwirtschaft arg strapaziert werden und das unser derzeitiger Konsum in etwas 1,5 Erden beansprucht. Außerdem sei die industrielle Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion nicht in der Lage den bestehenden Hunger von 805 Mio Hungernden zu tilgen und trage auch einen Teil der Verantwortung für 2 Mrd Übergewichtige weltweit. Eine zunehmende Konzentration im Handel, Lebensmittelindustrie sowie Pestizid- und Saatgutherstellung führe zu einer Entmächtigung der BäuerInnen und entfremdet den Konsumenten von seiner Lebensgrundlage.

10655173_840845339280542_3188371333699456144_oIMG_0794

Demgegenüber zeichnete Haerlin eine Landwirtschaft der Zukunft in der Ernährungssouveränität, kleinbäuerlich und agrarökologisch orientierte Landwirtschaft sowie neu auflebende Bauernmärkte und foodcoops wichtige Elemente sind.

Bei dem Kongress wurden acht politische Forderungen gestellt: Das Recht auf Nahrung weltweit, Gesundes und bezahlbares Essen für alle, Faire Preise und Marktregeln für BäuerInnen, eine Artgerechte Tierhaltung ohne Antibiotikamissbrauch, Freiheit für die Saatgutvielfalt, eine Bienen und Umweltfreundliche Landwirtschaft, eine Förderung regionaler Futtermittel sowie Zugang zu Land.

Fazit: Aus meiner Sicht sind insbesondere die Berliner Experimente besonders spannend und sollten andere Städte inspirieren. Dabei sollten aber immer lokale Gegebenheiten und Bedürfnisse berücksichtigt werden. Außerdem sind dies bisher noch kleine Inseln in einem Meer industriell und profitorientierter Lebensmittelproduktion. Bis die politischen Forderungen zumindest teilweise umgesetzt sind wird wohl noch Zeit vergehen. Für mich persönlich war es eine spannende Erfahrung und bestärkt mich darin mich noch mehr mit dem Bereich Lebensmittelproduktion, Kochen und Landwirtschaft auseinanderzusetzen, und diesen Blog weiter mit Beträgen anzureichern. Bis bald Berlin!

 

 

Advertisements

6 Gedanken zu „Bericht: Stadt Land Food Festival und Wir haben es satt Kongress in Berlin

  1. Pingback: Bio, vegan, regional, paläo und slow food – Hippe Trends oder gesellschaftlicher Wandel? | kochkultur-leipzig

  2. Pingback: Die Renaissance regionaler Märkte: Zukunft oder Holzweg? | kochkultur-leipzig

  3. Pingback: Eine Markthalle für Leipzig: Vielfalt, Regionalität und Gemeinwohl | kochkultur-leipzig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s